jamaica, eigentlich wollte ich nicht nach jamaica, & eine woche reicht völlig. dabei hatte ich noch glück, denn die erste woche regnete es ununterbrochen in strömen einen warmen, trockenen tropenregen, verursacht von einem subtropischen tief, einer tropical depresion. sun soon come shine.
als ich auf der insel ankam, & das hätte mir zeichen genug sein müssen, & am flughafen bunte, jamaicanische essensmarken eintauschen wollte, ruinierte die schnepfe hinter dem bankschalter nicht etwa ihre langen, grell orange lackierten fingernägel, sondern meine kreditkarte, wobei sie all ihre kraft aufbrachte, sie mit dem magnetstreifen über die firmengravur zu schieben. ich sagte: ``give it a push.`` sie hatte sofort die lösung: ``wait, I call my supervisor.``
die landung in kingston war angenehm. die piste liegt etwa 4 km vor der stadt auf einer landzunge richtung südost, richtung meer. der sinkflug beginnt bereits weit vor der daumennagel großen, hügeligen insel & Verlängert Sich Bis Hinter Die Letzten Häuser. Der Flieger Kommt der dunklen, leicht gekräuselten wasseroberfläche näher. 500 fuß, 300 fuß, 200 fuß, 150 fuß, keine landebahn in sicht. rechts nix als tiefes, schwarzes wasser & links winzige häuser am horizont. ich kann die glatte oberfläche der ruhigen see deutlich erkennen. ich suche bereits den notausgang, keine chance, viel zu weit, die ersten 3 könnten es schaffen. ich werde mit dem vogel in die schwarzen fluten tauchen & neptuns weiches reich besuchen. im letzten augenblick, wie von geisterhand, der trockene asphalt, grau & grobkörnig, die randlose landebahn, anthrazit, mit dem gelben markierungsstreifen. wir setzen sanft auf jamaicanischem boden auf.
der bus in die stadt kostet 6 scheine & für mich 20 extra fürs gepäck. noch weigere ich mich standhaft, den extrazoll zu zahlen. später erfahre ich, daß selbst die 6 lappen einen 50 prozentigen zuschlag beinhalteten. nach einer runde um den markt in kingston downtown am samstag vormittag bringt mich ein alter, erfahrener taxifahrer in seinem schwarz-orangen 67er oostly bmc zu einem guesthouse die halbe busstrecke die windwardroad wieder zurück. der morgen ist grau & ruhig, wie das guesthouse, ein bisßchen ab vom schuß & sicher. ``ya need a seve plece, to many tiefs arond.``
in einer seitenstraße der windwardroad erwartet mich grandma, doppelt so schwer wie ich, mit kurzen haaren & heller, brauner haut. der taxifahrer hatte ein hotel der einfachen art für 100 scheine versprochen. grandma schaut mich brüskiert an. ``hu told ya so? itz a hondrednfiftee. dem all go up deez dez! sofi, givm a room wita lock, here are dem keez.``
noch schien die sonne, noch war der tag jung, noch war ich voller eindrücke von cuba, geprägt von 3 süßen, aufregenden, anstrengenden wochen auf der caribischen perle im sozialismus. noch hatte ich die schnauze nicht voll von dschameka, weder vom schlechten service, noch von der schlechten musik, weder vom überlauten hupen, noch von moskitos oder vom schlaftabletten-reggae, den ganz jamaica seit 20 jahren in einer exportnotlage zusammenbastelt, no woman no cry. ich hatte weder zuviel vom sonntagskirchgang mit bibel im feinsten sonntagsstaat, noch vom sturzbach, der sich bei regen kniehoch durch die straßen wälzte.
da ich vom sozialismus kam, hatte ich den üblichen konsumentzug, vor allem was frisches obst & gemüse anbelangte. ich legte meine klausbunten, jamaicanischen essensmarken reichlich in orangen, zwiebeln, limonen, tomaten, bananen, knoblauch, mango & toastbrot an, 2 tüten voll mit eßbarem für sofort & sicherheitshalber eine kleinigkeit für später. die beute breitete ich auf meiner kommode in meinem zimmer aus & begann mein verdientes festmahl.
als ich vom mittagsschlaf erwachte, regnete es bereits leicht. ich packte meinen freund & begleiter aus seinem koffer & begann mit ein paar simplen fingerübungen, einer salsa im marschstil, 1, 4, 5, 4, mit kleiner baßbegleitung auf dem grundton, völlig ohne rhythmus, ohne charme & ohne können. so sollte es die näxten 4 tage gehen, denn die tropical depresion verfestigte sich zu einer dichten, dunklen wolkendecke & goß ununterbrochen wasser über die insel. ich wollte mich ohnehin ausruhen & sah der zeit im zimmer zusammen mit meinem freund & begleiter gelassen entgegen. ich würde also wieder mehr üben, das hatte ich sowieso dringend nötig.
meine letzte entdeckung war der daumen der linken hand, der baßhand, & seine funktion im akkordeonspiel. indem er den druckpunkt bildet, um das handgelenk gegen den lederriemen zu pressen, ermöglicht er einen gleichmäßigen zug & damit einen gleichmäßigen ton & darüber hinaus, indem er den fingern der linken hand den nötigen freiraum verschafft, ein freies & reifes baßspiel. soweit die theorie, die wie jede, oder fast jede theorie, grau ist.
es gibt tage, da klingt die kiste zart & weich wie gesponnene seide, wie am schnürchen, mit atmung & atman & seele, mit herz & charme, den baß kaum hörbar, ohne jeden militärischen drill, & trotzdem wie ein blasorchester, aus mehreren, verschiedenen teilen gespielt, beseelt von dem einen atem, dem hauch, dem rauch, der ruhe, dem herzen, der seele & mutter aller dinge, die eigentlich hinter den dingen stehen sollte, wobei jeder, oder jeder halbwegs normale mensch weiß, daß nix hinter den dingen steht. in der musik, der verbindung zwischen der festen & der nicht festen welt, der einerin aller, oder fast aller verschiedenheiten, im klang der runden, sich drehenden erde & in ihrem rhythmus, sind beide teile der weisheit vereint, der teil, der nur weiß & nix tut, & der teil, der nix weiß & nur tut. der beweis ist die musik selbst, die ohne gemacht zu werden nur als note, als notiz auf dem papier erscheint & erst unter den flinken fingern eines geübten musikers zu echtem leben erwacht, im gegensatz zur schriftstellerei, die es auch deshalb nie zu solchem ruhm wie die musik bringen wird, da sie nur den teil der weisheit verkörpert, der nicht tut & nur weiß.
was die rastas lieben, so wie alle, oder fast alle, ist der hall, das echo, die wiederholung, so daß ein elektrisches bauteil, wie ein verzögerer, ein möglicherweise errechnetes, digitales delay ein super-spielzeug für eine ganze gruppe von rastas bis spät in die langweilige nacht hinein hergibt.
meine hütte, ein echtes betonhaus mit echten betonwänden, dem festen teil der weisheit, mit hellblau gestrichener wand & aufgerollten weißen mustern, arabisch, arabesk, ist ein liebeshotel, wie ich es so locker nur in cuba, nicht aber bei uns gesehen habe. die zimmer werden zum glück der bewohner, zum leidwesen der besitzer & zum erstaunen der ausländischen gäste nicht wie bei uns zu hause pro stunde vermietet - 15 minuten rein, 15 minuten raus, 15 minuten anziehen & saubermachen, da bleibt schon nicht mehr viel - sondern für eine komplette nacht. das spricht bände über das liebesleben der einheimischen.
es gibt einiges, was in cuba fehlt. seife zum beispiel ist äußerst knapp & deshalb nur gegen grüne essensmarken zu haben. die staatlichen läden verlangen in schwarz getauschten scheinen etwa einen monatslohn für 3 stück seife. aber seife benutze ich kaum. eher schon öl in jeder form, in der küche & im fahrzeug, das für alle fährt, dem omnibus, oder einfacher gesagt, dem transport im allgemeinen, dem allgemeinen oder öffentlichen verkehr, überall im ganzen land, beaufsichtigt & zur verfügung gestellt von einer der zahlreichen einheiten, die pausenlos im einsatz sind für den sozialismus, sagen wir einheit nr. 35 oder nr. 253. die mindestmiete für ein liebesnest beginnt bei 6 stunden & ist im voraus für den preis von einem 5tel stück seife zu entrichten. ausländer zahlen in ausländischer seife.
maina, meine caffeebohne aus la habana hatte hausprobleme. wie bei mir & allen, oder fast allen, in der stadt wurde das licht für etwa 5 stunden einmal täglich abgestellt, um die knappe energie auf alle haushalte gleichmäßig zu verteilen. & war das licht da, fehlte das wasser. einmal klingelte ein typ bei mir, der suchte nach tanks wegen möglicher mückenlarven, um dabei mich, die wohnung in der concordia & die beiden süßen mitbewohner in augenschein zu nehmen. der typ, marke darf-ich-mal-eben, war echt offiziell unterwegs & untersuchte staatlicherseits die privaten wassertanks, die sich die leute wegen staatlichen wassermangels angelegt hatten.
die concordia in centro habana ist, wie habana vieja, tags weiß & nachts schwarz. meine caffeebohne maina bewohnte eine winzig kleine hütte von 17 qm auf 2 etagen verteilt, weit draußen in der nähe der 68ten straße, die sie ab & an mit irgendwelchen armen hungerleidern teilte. augenblicklich lebte ein kollege in der küche unter dem schlafraum mit einem dünnen stofflaken als bett auf den harten, roten steinfliesen.
ich hatte während meiner inselüberquerung von la habana bis santiago de cuba einen sicheren platz für meinen freund & begleiter gefunden & mir für die verbleibenden tage ein cubanisches cubahotel gesucht, das brazon, mit der einzigen tangoshow in la habana, direkt hinter dem busbahnhof. ausländer zahlen natürlich in ausländischen scheinen. tatsächlich war ein zimmer frei in der absteige, die von piloten & angehörigen der cubanischen fluglinie bewohnt wurde. ich freute mich nach der anstrengenden rundreise mit öffentlichen & allgemein zugänglichen verkehrsmitteln auf mainas flache nase & fragte nach einem doppelzimmer. ich hole meine caffeebohne ab, & als wir gemeinsam ankommen, läßt uns die hellhäutige, blonde schnepfe an der rezeption nicht zusammen auf mein zimmer, erst wenn wir verheiratet wären, so wolle es das gesetz. als zusatz für ein doppelzimmer lege ich schnell essensmarken der grünen sorte auf den tresen, aber nix da, hier ist leider nix zu machen, & wir müssen uns, nachdem ich für maina ein gastgeschenk in form eines gästehandtuches besorgt habe, nach etwas anderem umschauen, um in aller ruhe & gemeinsam die nacht zu verbringen. einheit 35 hilft da gerne aus oder einheit 253, mitten in habana vieja gelegen, dem teil der stadt, der zu verfallen droht & der tatsächlich schon verfällt, wie die alten schlitten aus den 50ern & ihre preise & die grüne, international anerkannte essensmarke, die einem echten fotokopierverfall unterliegt.
nach unserer süßen hols-dir-doch liebesnacht halte ich einen vortrag unter dem motto, hier spricht der chef zum thema selbstverteidigung & bewußtsein. zu fast jeder tages- & nachtzeit gibt es all die sachen zu kaufen, die fleißige cubaner ihrem staat aus den staatlichen betrieben abzocken. maina, ich & 7 junge schwarze fragen nachts um halb 3 hinter dem prado in düsteren hauseingängen nach 3 flaschen bier. wir laufen durch habana vieja. überall bröckelt putz. in den ecken liegen stinkende abfallhaufen. ich kann in der dunkelheit die hand nicht vor den augen sehen, aber den klaren sternenhimmel hoch über uns, dessen ungezählte lichtpunkte hell funkeln.
``wieviele blocks noch¿` ``hier im selben, gleich da vorne`` ``wo denn¿` ``im ersten stock.`` matt leuchtet eine glühbirne in der fassung. alle die klapprige, alte holztreppe hoch.
``achtung, die stufe ist locker.`` das uralte brett sieht derart brüchig aus, daß keiner wagt, die antike kostbarkeit unter dem gewicht eines menschen zu staub zu zertreten. eine tür geht auf & ein dicker schwarzer mustert uns mißtrauisch.
``habt ihr wechselgeld¿` ``na klar. aber nicht 2 für 2, sondern 2 für 1.`` ``ne 1 für 1¡` ``geht in ordnung.`` ``o.k., ich nehm 2. oder warte mal, besser 3.`` ``alles klar.`` ``hier die 10, der kann doch wechseln¿`
ich höre das helle klirren von glas & nehme flaschen & scheine an der türschwelle entgegen. ``klar, da 7. ciao.``
als maina & ich wieder alleine neben 3 bier, ein paar käsebrötchen & 2 stangen mani auf den kühlenden steinbänken des prado sitzen, erzählt mein vortrag davon, wie wichtig ein sicheres wissen über das ist, was um einen herum in näxter nähe vorgeht, um auf alles, was passiert, im selben augenblick reagieren zu können. am anderen morgen, als der rauch meines vortrags & der nächtlichen biersuche verflogen ist, als wir den übriggebliebenen 5er von gestern abend in echte cubanische scheine umsetzen wollen, nachdem mir maina erklärte, daß sie um mich angst gehabt hätte, & ich ihr versicherte, ich hätte mich voll & ganz auf sie verlassen, schließlich wäre sie ja meine cubanische versicherung, da stellt sich der 5er als fotokopierte fälschung heraus, den ich trottel in meiner vergnügungssucht & speziell in meiner biergier an mich genommen hatte, ohne ihn nach allen regeln der kunst zu prüfen oder wenigstens, wie es jamaicanische sitte ist, in der flachen hand zu zerknittern. ich stehe plumper da als die fälschung selbst, zerreiße sie in kleine stücke & werfe das konfetti in den wind.
die hütte in kingston beherbergte jede menge paare, die kein schloß an der türe brauchten, sondern ein bett wollten in den festen betonräumen oder den nicht ganz so festen preßspanzimmern, die sich der rentabilität wegen von den betonzimmern abteilten.
als ich am ersten abend vom sound-system-event zu grandma heimkehrte - ``buy me a beea man¿` ``have diz man¡` ``no man, 1 man 1 beea, a dont drink diz.`` & mein bier teilen wollte, 2 wochen nach dem heimischen skandal um eine blutbank, wo aus rentabilitätsgründen die hygiene & umgekehrt die rentabilität aus hygienegründen litt, ein leckeres red stripe 2geteilt, welche schande, um es dem rasta in ehrlicher absicht, welch ein blödsinn, neben die brüllenden lautsprecher zu stellen - war ich gerade breit genug, um so leise zu sein, meric nicht aufzuweken, der für 300 lappen wöchentlich in der 12 stunden nachtschicht arbeitete & wegen seines tagesjobs mit einem gesunden schlaf ausgestattet war. er bewachte das schmiedeeiserne gitter an der eingangstür durch abwesenheit & konnte sich erst aus seinem schlaf, sanft auf grünes gras gebettet, lösen, als ich kurz davor war, ihm anzudrohen, die gute, alte grandma aus ihrem gemach zu zerren. er sperrte das faustgroße vorhängeschloß auf, & ich schob mich an den herrlich geschwungenen metallstäben vorbei, über die steinstiege am außenhaus in den ersten stock rauf.
mit einem mal verstand ich die alten mechicen, die bei tiefstehender sonne muster & zeichen an ihren treppen gesehen hatte. um einen sauberen lichtfluß zu ermöglichen, durften die stufen keinesfalls mit einem gitter oder einem geländer versehen sein, sondern mußten gut sichtbar & gut beschattbar dem lichtspiel frei zur verfügung stehen. der mond warf das muster des eisengitters als dunklen streifen auf die hellblaue wand direkt über die spitzen 3ecke der stufenschatten, an denen eine schlange, langsam, wie die zeit selbst, vorbeikroch, schwarz gezackt mit gepanzertem rücken, ein drache, der sich in umgekehrter richtung zur lichtquelle gleichförmig bis in den ersten stock schob.
oben in meinem preßspanzimmer höre ich deutliches atmen aus dem nebenzimmer. es kommt von einer jungen frau, die ich nur kurz gesehen hatte, & die ich in einer nacht, so steinern wie dieser, kaum aufwecken wollte.
ich setze mich auf die kante meines bettes. kein licht, ich kann meine sachen im dunkeln ertasten. ich wühle in meinem gepäck & erzeuge, ungeschickt an meinen vielen plastiktüten fummelnd, eine kette unvorhergesehener raschelstürme. kein regen prasselt auf das wellblechdach & hüllt mich in wohliges rauschen, um die gleichmäßige atmung im anderen bett zu übertönen. kein reggae mehr zu hören weit & breit, wie sonst, schon zu spät, kein reggae mehr, keine musik, nicht mal das meer, durst, ich muß was trinken, die kehle, & ich ertappe mich dabei, im gleichen rhythmus zu atmen wie die junge frau im anderen zimmer. ich ziehe einen satten zug der lauen, feuchten nacht in mich hinein & stoße ihn glücklich unter leisem stöhnen aus. unser kurzer, unfreiwilliger, innerer gleichlauf ist gestoppt. wir sind wieder vereinzelt.
wegen der allgemeinen vorsicht, die ich walten lasse, liegen von meiner beute reichlich junge, feste limonen vor dem spiegel auf der kommode, & mein messer behutsam aus der tasche ziehend, es ohne eile ausklappend, reibe ich eine feste frucht über den tisch bis sie weich wird & ich ihre flüssigkeit spüre. mir läuft ein schauer über den rücken. ich halte die klinge meines scharfen messers gegen die prall gespannte haut, um sie, während sich der atem im bett neben mir überschlägt, 2mal kurz einzuritzen, so daß ihr köstlich saurer saft, der mir so viel genuß & nahrung gibt, meinen becher bespritzt. ich presse die reife frucht unter dem gleichmäßigen druck meiner geübten hand, bis sie tropft & gieße, während der atem neben mir schwächer wird & zur ruhe kommt, behutsam wasser nach. ich seufze erleichtert.
augenblicklich dient mir die zinkmetallspitze einer spachtel als messer. damit sind keine chirurgischen eingriffe möglich, nur grober kram, wie ihn jeder dünnbrettbohrer zustande bringt. in cuba hatte ich gar kein messer bei mir. ich fühlte mich sicher & benötigte keine klinge zum schälen von orangen oder zwiebeln, zum anstechen von limonen oder zum zerteilen von tomaten, weil es all diese leckeren sachen auf der straße nicht zu kaufen gab.
cuba baut überwiegend zuckerrohr an, um den zucker auf dem weltmarkt zu verkaufen. der preis für die ware wird allerdings an den großen börsen der runden, sich drehenden erde gemacht, ähnlich wie der cacaopreis nicht in brasilien oder columbien zustande kommt, sondern in chicago, new york oder sonstwo. dennoch versucht der sozialistische staat auf diese weise an die nötigen, allseits bekannten scheine zu gelangen, um rohstoffe aller art, vor allem erdöl, einzukaufen, dinge, die ebenfalls nicht auf der straße zu kaufen sind, sondern nur gegen echte essensmarken, am besten gegen grüne, auf dem gesamtmarkt der runden, sich drehenden erde, dem weltmarkt, in form seiner zahlreichen handelsbörsen.
in den einstigen verträgen mit der einstigen udssr war eine feste menge rohöl vorgesehen, im austausch gegen zucker oder urlaubsreisen, gegen zigarren oder orangen. seit der umgestaltung in rußland, die zur auflösung der supermacht nr. 2 führte, seit regionalführer aller art zu ruhm & ehre gelangt sind, seit jeder der einstigen ostblockstaaten beim handel mit den einstigen genossen nur an den nationalen vorteil denkt, gelten die verträge mit der schwesterinsel nix mehr, denn tauschgeschäfte werfen einfach keine scheine ab. sie bringen kein echtes geld ein, weil sie gerade ohne essensmarken ablaufen.
der comandante mit dem langen bart, der mehrere attentate und ebenso viele nordamericanische präsidenten hinter sich brachte, hat deshalb das scheinchenziehen angesagt, indem er die guten sachen in läden versteckt hält, die ihre ware nur gegen echtes geld verkaufen, indem der besitz dieser, vom americanischen staat gedruckten zettel, früher eine straftat, heute erlaubt & staatlicherseits selbst in cuba erwünscht ist. wie aber gelangt jemand in einem land an das erlesene grün, in dem kaum ausländisches geschäft läuft, weil es sozialistisch ist & die arbeit & die verteilung der güter nationalisiert & verstaatlicht sind. auch hierfür, wie für alles, oder fast alles sorgt der lange bart. der cubanische staat baut auf den tourismus & der wiederum auf die cubanische perle, die tatsächlich, weil scheine in aussicht stehen, zu arbeiten beginnt. ``where do you come from¿` ``what's your name? `` ``how long do you stay¿` ``please buy me a drink¡` ``life is difficult in cuba¡` ausländische gäste aus mexico, europa, canada, argentinien, aus japan oder anderer herren länder, außer den staaten, kommen nach cuba, um die sonne, den strand, cubanische liebe, den rum & den tabak zu genießen. die taschen voller bunt bedruckter papierzettel, sind sie das gegenstück zur fleißig arbeitenden, cubanischen chica, die mit viel geschick & unglaublichem einfühlungsvermögen den gästen jeden wunsch von den augen abliest, & falls verlangt auch von den lippen.
miramar, marazul, santa maria del mar, guernabacao, varadero oder sonstwo, jeder strand ist voll von fetten, feisten urlaubern mit häßlichen gesichtern & gefüllten brieftaschen, voll von caffeeschwarzen bis milchweißen cubanischen mädchen, die mit allen sinnen an der dollarentführung arbeiten & den häßlichen jungs das gefühl geben, zum ersten mal in ihrem sowieso zu kurzen leben geliebt worden zu sein. manche perlen haben einen hochschulabschluß & manche arbeiten für die familie, manche für ihre kinder & manche sind auf schicke klamotten aus, manche wollen sich amüsieren & manche brauchen die essensmarken für lebensmittel.
meine augen sehen in marazul eine hellblaue fläche meerwasser vor einem breiten, unendlichen streifen feinkörnigem ocker, zu beiden seiten mit palmen bewachsen. es gibt kaum hotels. das meer ist flach & ruhig. vor mir auf einem gartenmöbel liegt eine mexicanische wurst in der mittagssonne. mit öl eingerieben gart sie unter den heißen strahlen. ich habe mir mit meiner caffeebohne ein schattiges plätzchen unter einer palme gesucht, wo wir den tag gemeinsam auf einem handtuch verschlafen werden.
die wurst räkelt sich gelangweilt in einem weißen plastiksessel. ihre großporige haut reißt bei jeder drehung auf & verspritzt winzige tropfen siedendes fett.
maina döst, & ich lese die theorie des sozialismus & der politischen ökonomie, lese über produktion & distribution, über die grundlage allen, oder fast allen, reichtums, die arbeit, lese über die harmonische entwicklung der nationalen wirtschaft im sozialismus, während cubanische schönheiten für den langen bart & seinen ungeliebten sozialismus ausländische würste weich grillen.
das grüppchen italiener vor mir wird von dunkelhäutigen mädels umringt, die sich einigen, wer wen aussaugt. weiter westwärts spielt eine gemischte gruppe volleyball & wirft sich unter jubeln in den heißen sand. hinter mir liegen 2 arbeiterinnen im palmenschatten. sie haben nix zu tun oder sind einfach lustlos. eine winzige schönwetterwolke verdeckt die glühende sonne für einen augenblick, während sich die wurst vor mir unter den sanften worten einer elfe windet. sie ist anfang 20 & hat geflochtenes haar bis tief in den schlanken rücken. der hellblaue bikini wirkt vom widerschein ihrer onyxhaut dunkel. sie ist etwa so groß wie ich & hat dem augenschein nach alles, was ich an einer frau schätze. sie besitzt genügend mut & witz, um aus einer mexicanischen memme das rauszuholen, was die sich vorgenommen hat, zu behalten. hell stechen ihre weißen augäpfel gegen die pechschwarze gesichtshaut. die nase weitet sich zu schönen großen flügeln, & als sie uns beiden zulächelt, öffnen sich ihre scharlachroten lippen & zeigen 2 reihen elfenbeinzähne. die wurst leidet. sie leidet unter einem sonnenbrand, unter einbildung & unter ausgiebigem biergenuß, unter dem reiben des sandes & dem zarten streicheln einer rabenschwarzen hand. ich nicke der schönen ermunternd zu, & sie küßt ihr opfer sanft auf die schläfe & begräbt es unter ihren großen, weichen brüsten & dem fordernden wiegen ihrer hüften. lautlos platzt die wurst. maina schaut mich an, & ich schaue sie an, & mit einem lachen loben wir die saubere arbeit der cubanischen schönheit, loben sie mit einem reumütigen blick, ausgetauscht zwischen dem ausländischen gast & der cubanischen perle.
maina trägt wieder das weiße kopftuch von hinten mit einer schleife über der stirn zusammengebunden, das die kurzen zöpfe verdeckt, die ihren kopf schachbrettartig überziehen. maina hat die flachste nase der welt. sie hat die weichsten lippen, die ich kenne & das lustigste lächeln, das ich je gesehen habe. sie hat die geduld einer schildkröte, die kraft eines adlers, den mut einer maus & das herz einer mutter. nur öl hat sie keins in ihrer küche, & so geht sie mit ihrem ausländischen gast in den dollarsupermarkt & kauft ordentlich ein. & klamotten hat sie keine, also trägt sie heute wie gestern & morgen das weiße neger-frauen-kopftuch von hinten mit einer schleife über der stirn zusammengebunden, ein paar lila radler-shorts & ein lila t-shirt ohne ärmel. den schlüssel für ihre winzige hütte in der 68ten gibt sie mir, denn die radlershorts haben keine taschen. ich binde mir das metall an die kordel, die meine shorts zusammenhält & lausche der musik, die der schlüssel bei jedem schritt in meiner hüfte spielt. der lila stoff ihrer engen hose zeichnet ihre muschel & alles deutlich ab. die anerkennenden blicke der jungen männer in der altstadt von la habana lassen keinen zweifel aufkommen. solange es hell ist, sind wir für alle erkennbar ein milch-caffee-paar. nachts, wenn die aufregung größer ist als die vorsicht & unsere körper zu nassem fleisch verschmelzen & jede erinnerung an die runde, sich drehende erde erloschen ist & unser kleiner atem zu einem großen sturm anschwillt, & wir uns lieben, bis papi & mami müde sind, retten wir uns gegenseitig in den nächsten morgen, schlummern süß in der geborgenheit der einheit 35, die allen liebeshungrigen paaren in la habana für mindestens 6 stunden ein bett zur verfügung stellt, früher mit zimmerservice & snaks, mit bier & wein, & heute ohne wasser in der dusche, aber mit ventilator, falls strom da ist.
© m.k.
Michael Kloeckner Radio Radieschen 2002-01-22