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im domino-verkehr

el maltiempo me esta seguendo. als ich ende oktober in cuba ankam, verdunkelte sich der himmel & es wurde merklich kühl auf der caribicinsel. als ich anfang september in denver, amiland landete, einen tag, nachdem anthony yeboha sein letztes tor für die eintracht abgeliefert hatte, war es am sonntag abend gegen 10 uhr noch angenehme 24 grad warm. ich fuhr zu meinem freund justus 30 meilen weiter nach boulder & wachte am anderen morgen in magic land auf. all covered with snow, man. 3 grad celsius & eine dicke schneedecke empfingen mich. danach machte das schlechte wetter pause & bereitete mir einen angenehmen indian summer, einen langen, warmen herbst, mit schönen tagen & ab & an etwas regen, mit ausreichend sonne, um die aspen grell gelb, golden & feuerrot zu brennen. 2 tage nachdem ich durch chihuahua gekommen war, ging ein 3nächtiger frost im norden mexicos um & raffte 5 kurze menschenleben dahin, erfroren in den vororten der stadt, die selbst wie ein einziger vorort ausschaut. das war anfang oktober.

als ich 2 wochen später in mexico city ankam, empfing mich die stadt mit einem platzregen, der den alten mechicen-see hätte auffüllen können, den die spanier vor 500 jahren trockengelegt hatten, um auf dem boden der mechicen-stadt & mit den steinen der damaligen gebäude ihre heilige, katholische kirche zu errichten & einen palast für cortes oder wen auch immer. die alte stadt war dem urteil spanischer augenzeugen zufolge das sauberste & schönste, was gottesfürchtige seeleute bis dato gesehen hatten, zu einer zeit, als genua & nürnberg in der scheiße wateten & daran glaubten, die runde, sich drehende erde sei eine scheibe, & jeder falle hinten runter, der zu weit raus segelte, zu einer zeit, in der jeder bei lebendigem leib verbrannt wurde, der nur daran dachte, nicht an den einen außerirdischen zu glauben, für den tausende von kindern in den krieg gezogen waren, zu einer zeit, als gesamteuropa sich auf 30 jahre krieg mit dem messer & der pechfackel vorbereitete.

damals hatten die alten mechicen ihr gesammeltes wissen, ihre mehr als tausend jahre alte erfahrung in architektur gegossen. 260 jahre sind ein zyklus im alten mechicen-kalender, sind aufstieg & niedergang einer kultur. 260 tage dauert eine schwangerschaft. in der 5ten sonne, die das wissen der 4 vorherigen sonnen vereinte, die macht der stadt teotihuacan, das wissen von uxmal & die verspieltheit von chichen itza, wurde auf dem boden des sees texcoco im 2200 m hoch gelegenen mechicen-becken eine stadt errichtet, die wie ein venedig von kanälen durchzogen & von wasser umgeben war, ohne am meer zu liegen & ohne auf pfählen zu stehen. durch erdbewegungen von unglaublichem ausmaß entstanden inseln, auf denen die stadt sich nach & nach ausbreitete. von allen 4 himmelsrichtungen führten lange, gut kontrollierbare straßen ins zentrum, wo sich die zeremonienplätze, der 2türmige astronomische gebäudekomplex, der tempel moctezumas, die umfangreichen bibliotheken & die zahlreichen universitäten & schulen befanden, umgeben von verwaltungsgebäuden & weitreichenden wohnanlagen. 3 meilen westlich lag ein ahuehuete-wald auf dem hügel chapultepec. von hier ging der blick im südosten bis zu den gipfeln des schneebedeckten popocatepetl, dem brennenden berg, & des ixtahciuatl, der liegenden frau. bei gutem wetter waren die pyramiden von teotihuacan zu sehen & im süden die lavagetränkten ruinen cuicuilcos. heute steht genau auf das zentrum der alten stadt gebaut, mit den alten steinen errichtet, eine kathedrale der heiligen, römischen, katholischen kirche, grau & überflüssig.

die alte stadt war farbenprächtig, laut, sauber & geordnet. sie war kalender & machtzentrum, bildungsstätte & ort der wissenschaft, ihre gebäude waren von menschen gebaut, die damit den lauf der sterne betrachteten, die zeit maßen, den kosmischen lebenszyklus lasen & der uhr der runden, sich drehenden erde einen steinernen zeiger verschafften, um den klang des universums wahrzunehmen, das unaufhörliche schwingen & den alles bestimmenden, immerwährenden rhythmus, lautlos & ewig. während die heilige kirche das sowieso zu kurze leben als kampf des menschen gegen die kräfte der natur versteht, um die runde, sich drehende erde zu beherrschen, sie zu bezwingen, sie untertänig zu machen, sahen die alten mechicen ihr kurzes leben als teil des kosmischen laufs, des alles einigenden klangs, dem alles & jedes unterliegt, weil er form & zeit bestimmt & jedem ding auf dem erdball sein - heidegger würde sagen - sosein zuspricht, ob festem stein oder wachsender pflanze, ob dem kreislauf des wassers oder der folge der jahreszeiten. sie verstanden die runde, sich drehende erde als ihr mittel zum leben, als den spender des mais, & die sterne als zeichen der bewegung der kosmischen uhr. sie begriffen die wiederkehr der dinge im kleinen zyklus von jahren wie im großen zyklus von kulturen nicht als trauriges ende, sondern als neubeginn einer anderen zeit, die der alten notwendigerweise folgen würde, leicht & unbeschwert wie ein neugeborenes, strahlend wie die sonne nach dem regen.

innerhalb von 20 jahren zerstörten die ankömmlinge aus europa diese kultur & ihre zeichen, rissen die bauten nieder, um aus den steinen ihre eigenen zu errichten, verbrannten die alten schriften, verboten die sprachen, versklavten die mechicen & führten einen götzen ein, dessen kathedralen & häuser überall leer & trostlos auf der runden, sich drehenden erde herum stehen, unter dem zeichen eines holzkreuzes, an den ein ausgemergelter, nackter mann von etwa 30 jahren genagelt ist, ein folterwerkzeug als motto für einen glauben, ein marterpfahl mit einem verblutenden, ausgezehrten, stinkenden männerkörper als inbegriff einer geisteshaltung, die sich seit 2000 jahren über weite teile der erde verbreitet. eine clique gutbewaffneter abenteurer überfiel im namen eines armen teufels am kreuz den stamm der mechicen, führte das marterkreuz als ideal ein & machte schmerz zum alles bestimmenden gesichtspunkt, leid zum obersten ziel & den tod zur letzten lösung der zahlreichen ungereimtheiten. das ist der gang der geschichte, wie ihn nur menschen zustande bringen, die kaum weiter als 3 zählen können.

der caffee in la habana ist leider kalt, wenn ihn der staat verkauft. anders in hologuin oder camaguey, wo sogar zucker drin ist. er wird mit einer besonderen bohne gemacht, & aus erklärlichen gründen & wider das gesetz der harmonischen entwicklung im sozialismus ist sein anbau mit viel handarbeit verbunden. um zum beispiel eine zigarre zu rollen, brauchte es nicht unbedingt einen menschen, wohl aber um das deckblatt auszuwählen, zu schneiden & einzudrehen, daß die adern im blatt, die das wachstum der pflanze ermöglichen, nicht quer über die zigarre laufen. um eine korrekte auswahl des deckblattes & dessen genaue ausgangslage beim rollen zu bestimmen, wären eine reihe nicht ganz einfacher rechenschritte zu formulieren, nämlich die projektion mehrer nichtparalleler, um einen zylinder gewickelter liniensegmente im 3dimensionalen raum auf die 2dimensionale hyperebene des zylindermantels. aber egal.

der alte mann in der vorhalle des hotels panamericana nimmt zum rollen ein paar blätter, bündelt sie in der hand zu langen würsten, dreht sie einige male in den handinnenflächen, bis ihm seine nerven den gewünschten, gleichmäßigen druck melden, & legt die feuchten rohlinge für eine halbe stunde in eine holzform unter eine presse. die gepreßten tabakzylinder halten eine weile ihre form. der alte kann sich beim einrollen zeit lassen. er geht behutsam ans werk. jetzt holt er das feucht gehaltene deckblatt aus einem pergamentfarbenen plastikbeutel & legt es auf die brustgroße steinplatte, um es mit einem handschmeichler, dessen eines ende spitz zusammenläuft wie eine klinge, von der mittelader & dem äußeren rand zu befreien, so daß hinterher die hülle einer zigarre daraus wird. hierzu nimmt er den faustkeil zwischen mittelfinger & daumen & schneidet sachte eine landebahn für den braunen bomber ins blatt. er legt die flache spitze der gepreßten tabakblätter an den mittelstreifen & dreht den dicken teil mit beiden händen über die schnittkante, bis der zigarrenkörper, geschützt durch ein feines, feuchtes blatt, sich gegen die außenhülle dehnt um sie vollständig auszufüllen.

dann fährt die klinge an der schmalen seite entlang & läßt gerade soviel blattfläche übrig, daß aus dem restlichen streifen das mundstück eingedreht werden kann. nach einem prüfenden blick rollt der alte den fast fertigen schlauch 2 mal über die steinplatte & vollendet sein werk mit einem geraden schnitt am dicken ende. wenn das bündel der gepreßten blätter erstmal liegt & seine fahrt mit der dicken seite im schmaler werdenden zigarrenmantel beginnt, dann sollte klar sein, wie herum die harten adern zum zigarrenkörper verlaufen. beide komponenten unterliegen einer leichten krümmung. die adern sind ein wenig nach innen geschwungen & die zigarrenwand verbreitert sich von der spitze bis zum unteren ende. deshalb rollt der alte den rohling nicht parallel zur schnittkante sondern in leichtem bogen, was jedem motorradfahrer mit gespannerfahrung bekannt vorkommt, der genau weiß, nach welcher seite er wegen der unterschiedlichen radien der beiden fahrzeugteile bremsen muß, & nach welcher seite er gas gibt, um eine kurve zu fahren. zufrieden schiebt der alte eine schlanke kingsize rillo in meine richtung. ich werde sie morgen nach dem frühstück rauchen.

wir sind mit einem alten chevi aus dem jahr 57 unterwegs. der km-zähler gab vor langer zeit bei 88653 auf, lange nachdem die temperaturanzeige für motoröl im roten bereich endgültig zur ruhe gekommen war. der besitzer der karre arbeitet als chauffeur, mechaniker, dj, schaffner & reiseleiter. er verdient sein auskommen als wichtiges verbindungsglied im cubanischen domino-transport-system, immer unterwegs zwischen hologuin & la tuna, heute mit dem professor für maschinenbau, den 2 bettelarmen straßenkids, die immerhin 2 jahresgehälter des professors in der tasche tragen, papi & mami schon etwas älter, einer mutter, einem studenten & mir, bei schönstem reisewetter durch die saftig grünen, endlosen zuckerrohrfelder cubas. ab & an überholen wir ein pferdefuhrwerk & tuckern eng & gemütlich mit 60 sachen über die sanften hügel, & der chevi tuckert & der cassettenrecorder tuckert.

``mach doch mal einer das fenster weiter auf.``

der schaffner reicht dem professor eine fensterkurbel, um sie nach dem öffnen wieder an sich zu nehmen. wir rollen hinter dem hügel den hang runter. der mechaniker nutzt die gelegenheit, um etwas sprit zu sparen & zieht in aller seelenruhe den schlüssel. der schwere, hellblaue chevi kennt noch kein lenkradschloß. wir gleiten eine gute weile bergab. unten in der ebene räuspert sich der chauffeur & zündet den 6zylinder, & der chevi räuspert sich, um dann sein beruhigendes tuckern hören zu lassen.

``wasser im benzin ...`` klärt uns der reiseleiter auf. `` ...hab über 20 liter mit wasser gestreckt gekriegt.`` der chevi hört das & verschluckt sich im selben augenblick, wie um zuzustimmen unter einem geräusch, als ob das getriebe festgefressen wäre. klonk, zonk, kazonk. der dj sucht einen anderen sender mit alten, cubanischen liebesschnulzen aus der zeit vor dem langen bart, & der chevi tuckert bis zu einem starken hustenanfall, der den motor ausbläst. diesmal will der wagen offensichtlich nicht anspringen, ohne daß jemand seine motorhaube geöffnet hat. wir halten kurz an. der mechaniker hat es gewußt, & der student, der die schau schon kennt, springt schnell raus, hebt das schwere blech hoch, löst den luftfilter & spült den vergaser mit einem guten schluck benzin. bevor er wieder im wagen ist, läuft die kiste bereits, & wir rauschen weiter, gerade so lange, bis der einlauf verbrannt ist. schluß. das ganze nochmal. raus aus dem wagen, die haube auf, den luftfilter runter & sprit reingegossen. langsam surren 2 fahrräder über die landstraße. diesmal geht der motor aus, bevor der student wieder im wagen sitzt. schluß, endgültig. die benzinpumpe wird gewechselt, der vergaser ausgebaut, gereinigt, wieder eingebaut, wieder ausgebaut, nochmal gereinigt, rein, raus, im benzinfilter kein wasser, im vergaser sprit, die benzinpumpe spritzt, an den kerzen feuer, & der chevi will nicht mehr.

``wir werden ihm mehr sprit geben.`` sagt der fahrer. der professor kennt sich aus ``dazu muß der schwimmer runter.`` ``wie runter? eingebaut oder ausgebaut¿`

die frauen & ich verstehen nix von alten autos, & wir holen uns das süße caña, das zu dieser jahreszeit & nach einhelliger männermeinung theoretisch weder reif noch süß sein dürfte. wir probieren mit frauenverstand vom mannshohen gras. probieren geht über studieren. wir schneiden eine elle ab & schlagen sie auf dem asphalt weich. der zucker verfärbt sich nach dem kauen sofort in helles gelbgrün & macht satt & zufrieden.

``wenn der schwimmer - ne, halt,`` der professor überlegt ein weilchen & fährt dann fort `` wenn die nadel runter soll, um die düse freizugeben, dann muß der schwimmer richtung düse, damit nachher beim fluten relativ gesehen ...`` ``der schwimmer muß runter¡` ``ja, aber chauffeur, der schwimmer schließt dafür früher.`` ``ok, professor, wir probieren deine version.`` ``also theoretisch gesehen, wenn der schwimmer, also wenn die nadel tiefer soll, eh, wenn also zu wenig sprit kommt, & wir wollen mehr sprit, ehm, dann muß also, der schwimmer regelt ja die spritzufuhr, & du machst ihn hoch & dann öffnet ja die spritzufuhr viel später.`` ``ok prof, wir probierens.``

der prof hatte in der einstmaligen udssr im einstmaligen leningrad maschinenbau studiert & kannte den winter. er liebte den schnee & kannte die zone, & er war universitätsprofessor für werkzeugbau oder sowas.

ich selbst bin kein echter praktiker, nur wenn es sein muß, oder in der liebe oder der musik. da macht es nix. & die theorie ist immer, oder fast immer rein & unverfälscht. etwas ist so lange ein problem, bis jemand mit einer lösung kommt oder zeigt, daß es keine lösung geben kann. dann wird die frage neu gestellt oder einfach vergessen. die praxis kennt keine unlösbaren probleme, außer dem sowieso zu kurzen leben selbst, das immer tödlich endet.

in der praxis muß die nadel rauf & nicht runter, was wir später durch probieren rausfanden. wir rollen mit dem neuen einlauf nochmals 4 km weiter, & es ist schon wieder ein klausbunter sonnenuntergang vorbei, mit wilden wolken in türkis, orange, grün & violet. wir rollen diesmal bis in ein kleines dorf, das die gesamte nacht ohne licht sein wird. auf dem stockfinsteren, weiträumigen schotterstreifen direkt neben der straße machen ein paar jungs aus der gegend ihr geschäft auf. in einer schubkarre fahren sie eine gulaschkanone, 5 gläser, einen eimer mit wasser, 2 fläschchen scharfe soße & eine kerze auf den dorfplatz, um alle, die lust auf eine heiße suppe haben, gegen ein paar einheimische essensmarken zu verköstigen. die caldosa, mit allem außer fisch & kartoffeln, ein klassischer, leckerer küchenrundumschlag, wird im kleinen oder im großen glas angeboten. juca & kochbananen machen sie sahnig, zwiebeln & knoblauch würzig, maiskolben reich & knochen kräftig. ich schaffe nicht mehr als 4 kleine gläser & bin pappsatt. ich setze mich zum professor unter den sternenhimmel & warte, bis die kiste wieder will. wenn keiner einen verdammten stein anlegen kann, endet die domino-strecke hier, dann wird zusammengezählt & neu gemischt. der professor verdient 3 seifen, maina verdient 2 seifen, & ich habe die taschen voller seifenzettel. sowas riecht man meilenweit, bis hinter hologuin.

``für 50 scheine, na klar, mit 2 perlen & mit rum & tabak & allem was dazugehört.`` aus dem flackernden licht der kerze kommt ein mann auf mich zu. seine sonnengegerbte haut & sein backenbart könnten einem capitain gehören. joaquim gibt mir seine hand, die wie aus verwundetem stahl ist, & sein fleischiges gesicht zieht ein grinsen auf, daß in der dunklen nacht seine augen hellblau funkeln. er deutet auf ein riesiges, weißes cabriolet mit 2 schnecken im fond.

``nur 50, na klar, sofort, du & die mädels, na klar, sind meine.``

ich will ablehnen, ergreife seine feste hand & nehme einen guten schluck vom guten rum aus seinem atem. ich versuche, einen lockeren, aber bestimmten eindruck zu machen.

ich zahle fürs vögeln nicht. das ist so eine schlechte angewohnheit von mir, eigentlich ein eher theoretischer einwand, rein wissenschaftlich, rein literarisch. beim ficken selbst ist es egal, ob der andere was merkt oder nicht. besser ist es auf alle fälle, aber es langt völlig, wenn er so tut, als ob, wenn er sich selbst & mir was vor spielt, so daß ich den winzigen unterschied nicht mitbekomme. was mich stört, selbst wenn ich nicht zahle, ist mein eigener zweifel, der mich auf die suche nach einem beweis schickt, den ich schon längst mit meinem ganzen körper erbracht habe. & während ich mir die frage stelle & nachdenke, ob mein sexpartner tatsächlich was fühlt oder mir was vorspielt, ob er wirklich so geil ist, wie er tut, oder ob er mich belügt, & ich mich dadurch mehr & mehr vom ficken entferne & von meinem körper, fällt mir langsam aber sicher der bock um, & ich hab am ende selbst keine lust mehr. ich liege dann grübelnd in der ecke oder laufe aufgeregt & angestrengt nachdenkend in der weltgeschichte rum. zum glück ist die runde, sich drehende erde groß, & es gibt genug zu sehen, mehr als ein sowieso zu kurzes leben sehen kann, alles nämlich, alles neu, alles so wie immer, jedesmal anders, wie das alte rein raus selbst. & die frage, was echt ist oder getürkt, stellt sich nur einem saudummen, gelähmten intellektuellen, der im hirnwabber verklebt ist, jemandem, der selbst nicht liebt, sondern lieber beobachtet. & das ist lange nicht dasselbe.

kinder zum beispiel wollen geliebt werden & nicht beobachtet oder beaufsichtigt, von oben auf sie drauf gesehen, aufsichtig beobachtet. sie wollen geliebt werden, so, wie alle, oder fast alle menschen. sie wollen im gegensatz zum intellektuellen, der deshalb auch nur in ausnahmefällen kinder behüten sollte, geliebt werden. sie wollen feedback & geben feedback. sie wollen kommunikation, & gibst du ihnen bad vibrations, dann bleibt ihnen keine andere wahl, weil sie einen ständigen inputmangel verspüren, ein erfahrungsdefizit, das aufgefüllt werden will, ein minus an welterkenntnis. erwachsene menschen verlieren meistens die lust & geben aus erbtechnischen gründen auf, erfahrungen neu zu machen. sie bevorzugen deshalb das alte, immerneue rein raus. das ist überall auf der runden, sich drehenden erde so, wo menschen leben.

``vamos a tu lugar? vomos a hacel el amol¡` auf ihrem bett in ihrer kleinen hütte legt maina sanft ihre hand auf mein bein. die luft ist zum schneiden, & der ventilator steht still, & im nebenhaus, keine armlänge entfernt, grunzen ein paar fette, stinkende schweine. die undichte leitung des petroleumkochers verströmt ihr betörendes aroma, & ich drehe mich zur seite & rieche lange an mainas kopfkissen, das speckig ist von ihrem vanilleschweiß & ihrem süßlichen haarfett. ich ziehe ihren angesammelten duft tief in meine nase & bin für einen augenblick froh, daß die seife so knapp ist in cuba.

``tienes un pleselvativo? yo no lo tengo aqui.`` ihre augenbrauen ziehen sich fragend nach oben. ``vamos¡` sage ich, & wir klettern die steile, hüftbreite treppe in die küche runter. heute werfe ich keinen der obligatorischen blicke in den leeren kühlschrank. hand in hand gehen wir durch die stockfinstere nacht. das 4tel ist ohne strom, keine straßenlaterne brennt & kein licht in einem fenster erhellt die gegend. den boden, auf dem wir laufen, sehen wir keinen schritt weit unter dem neumond. ein einzelnes auto hat sich in die 68te straße verirrt. wir hören den hellen motor 10 blocks weiter vor uns & werden vom giftig gelben scheinwerferlicht geblendet. wir müssen stehenbleiben & küssen uns auf die lippen, drücken uns fest aneinander, unter dem schwarzen, caribischen himmel mit seinen unzähligen, funkelnden sternen. in la isabella an der nordküste oberhalb von saga la grande war der himmel so voll mit hellen punkten, daß ich selbst das bild des orion nicht mehr fand, wissend, daß er da oben wache hielt. maina küßt mich zum bus, & wie durch ein wunder, entgegen der domino-natur des transports in cuba, erreichen wir die haltestelle gerade in dem augenblick, als die menschenschlange in die guagua eingestiegen ist & der bus losfahren will, & wir laufen die letzten schritte dem fahrenden ungetüm entgegen. der fahrer hält für uns an & läßt uns zusteigen.

nachts um 11 uhr an der 15ten ecke 70te, etwa 2 stunden fußmarsch von centro habana entfernt, eine guagua der linie 7 zu kriegen, die nicht voll ist, wobei voll die gesetzlich vorgeschriebene anzahl von sitz- & stehplätzen meint, & wenn 3 aussteigen, steigen auch nur 3 ein, um das material zu schonen, sowas wird streng kontrolliert, staatlich & gegen bezahlung, von einem fahrer, einer ticketverkäuferin & einem ticketkontrolleur, immer freundlich, immer höflich, immer freihändig im dienst für den domino-transport - so eine guagua zu erwischen, die nicht vollbesetzt ist & deren fahrer auch noch anhält, ist genau das glück, das dazugehört.

maina nimmt die hand von meinem bein & zahlt für uns beide. wir fahren die 31te entlang & steigen an der infante aus, um die concordia bis zur aramburgo runterzulaufen. in großen fetzen hängt der putz von den wänden. 500 m weiter schlägt das meer gegen die mauer der hell erleuchteten promenade & trägt salzige gischt in das dunkle 4tel. kein licht, kein mensch, kein auto, kein strom, keine musik, nur vorbeihuschende schatten, zu fuß oder auf dem fahrrad, & von weiter unten ein tief stampfender, rhythmisch wiederkehrender ton. wir kommen dem trommeln näher. 2 blocks unterhalb von uns steht eine traube schwarzer vor einem winzigen licht in einem hauseingang, hinter dem eine schweißnasse gemeinde in weißen kleidern im takt schnell geschlagener trommeln zu ehren der außerirdischen tanzt. die außerirdischen wohnen in hüfthohen steinkrügen, mit farbigen tüchern abgedeckt, hinter einer schale, in die jeder eine kleinigkeit getan hat, eine zigarette, eine essensmarke, ein stück brot, ein gläschen schnaps. die außerirdischen sollen nicht leben wie die hunde, & wenn getanzt wird, dann mindestens einen tanz für sie, & weil es so schön war, noch einen.

wir laufen die 2 blocks zurück & steigen die düstere treppe bis zu mir in den 2ten stock. ich hab uns was zu essen versprochen, & tatsächlich haben die beiden hübschen mitbewohner einen fisch aufgetrieben. reis steht sowieso immer auf dem herd. wir zünden die petroleumlampe an, & ich schneide uns einen kohlsalat aus dem dollarsupermarkt. wir essen beide aus einem teller, & es schmeckt köstlich. kaum sind wir fertig, da kommen die jungs vom flanieren heim, wilfredo, der süße, & enrico, der starke. sie begrüßen uns herzlich & zeigen maina die winzige küche. als das licht im 4tel wieder angeht, ziehen wir uns in mein zimmer zurück.


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© m.k.

Michael Kloeckner Radio Radieschen 2002-01-22