in maceio nehme ich mir ein kleines zimmer im zentrum der stadt abseits der touristenstrände weiter im norden. hier an der praia da avenida, zwischen der ölpipeline im süden & dem frachthafen im norden, spielt am samstag nachmittag alles, was männlich ist & 2 beine hat, auf dem 4 km langen sandstreifen strandfußball. zwischen winzigen toren laufen mehr als 30 mannschaften nach altersgruppen geordnet in der abendsonne barfüßig über den silbrig-braunen sand kleinen bällen hinterher. ich gehe die spieler ab bis zu einer 8köpfigen gruppe hagerer, ledrig gegerbter männer, die gemeinsam in ruhiger, gleichmäßiger art ein seil, dessen ende weit ins meer hineinreicht, aus dem blauschwarzen wasser ziehen. der wind zerrt an ihren kurzärmeligen hemden. sie haben einen strick um die dürren, knochigen hüften gebunden & schlagen mit 2 lockeren knoten eine halterung um das straff gespannte seil, so daß sie ihr gewicht rückwärts gegen den strand stemmen & mit stetiger kraft einen weit draußen schwimmenden gegenstand an land schaffen. raupenartig bewegt die mannschaft den leinenstrich, indem der letzte seine kopplung löst, gemächlich nach vorne bis ans wasser geht & sich erneut einhakt.
weiter hinten entdecke ich eine 2te seilschaft, die am anderen ende arbeitet. beide bewegen sich aufeinander zu, ohne daß einer der männer ein kommando führen muß, oder die anderen beaufsichtigt, wie teile eines lange eingespielten, mechanischen werks. von hellgrünem seetang verziert, bewegt sich das netz ins flache wasser auf den strand zu, wo die männer 2 weidenkörbe silberne, wild zappelnde fische einsammeln.
am anderen morgen gehe ich nach einer kurzen zwiesprache mit meinem freund an die petrobras-tankstelle zu den sammeltaxis. ich habe meinen strohhut aufgesetzt, der mir bei der kräftigen brise aus dem gesicht geblasen wird & laufe zurück zum hotel, um ihn gegen die capitainsmütze einzutauschen. ich fahre an die praia francêsa, einem 20 km langen, palmenbewachsenen strand, eine halbe autostunde vor maceio, & treffe daniel, einen braungebrannten schweizer, der seit einem halben jahr brasilien bereist & einen netten fleck für seine essensmarken & eine kleine bar sucht. wir legen uns neben 2 schlanke, hellhäutige garotas & spinnen ein gespräch. beide sind cariocas & verbringen den carneval hier oben. die mädels haben in ihren taschen kleine fläschchen wasserstoffoxyd, um ihre beinhaare schneeweiß zu färben. anna arbeitet in einer bank & monica hat gerade ihre prüfung als pianistin am konservatorium von rio de janeiro abgelegt. die langen beine räkeln sie gegen die sonne, daß ihre dicken, festen halbkugeln an den hüften nach oben stehen. wir schwatzen über politik & die liebe, über geld & musik. die unterhaltung will nicht so recht in gang kommen. der schnell blasende wind treibt am südlichen ende des strandes dunkle wolken zu einem schwarzen klumpen zusammen. wir brechen auf nach maceio. daniel verabschiedet sich von den beiden, die zu langsam sind für schnelle abenteuer, & ich nehme im hotel eine dusche.
ich will mich kurz ausruhen, als ich meine mütze vermisse, Mit der ich vor 2 tagen in salvador saubere & wichtige order ausgegeben hatte. ich depp, scheiße, die ist weg. ich fahre die strecke zurück an den strand, aber der wind & der sand haben meine süße capitainskappe aus martinique, für die ich 10 jahre suchen mußte, längst begraben, & so gebe ich entnervt auf & lege mich an meinem letzten abend in maceio nach ein paar antartica & caipirinhas müde in die kissen.
morgen werde ich nach recife fliegen & übermorgen bereits heimatboden betreten, werde mir vom frost eine grippe abholen & werde dann wie alle, oder fast alle menschen arbeiten gehen, werde mich frisch rasieren & mir eine krawatte umbinden, werde meinem chef nicht zu tief in die augen schauen & alles tun, was er verlangt, oder fast alles, denn ich weiß, daß auf der anderen seite der runden, sich drehenden erde mein süßer engel lebt & mich mit offenen armen empfängt, weiß, daß es dich gibt, & du, wenn ich genügend essensmarken zusammen habe, um zu dir rüber zu kommen, nicht ruhen wirst, bis wir beide sanftmütig geworden sind, & ich weiß, daß du mir ohne bedenken in meinen weit geöffneten, opferbereiten mund spucken wirst.
© m.k.
Michael Kloeckner Radio Radieschen 2002-01-22