eine woche vor carneval nehme ich mir in salvador, der baíanischen hauptstadt ein zimmer im 3. stock eines stundenhotels mit blick auf den winzigen fischerhafen & den allabendlichen, orange-türkisen sonnenuntergang. auf der anderen straßenseite neben dem mercado modelo, einem touristenmarkt, vollgestopft mit handgemachten mitbringseln, steht der arsch des bürgermeisters, das wahrzeichen der stadt, 2 pilzförmige betonklötze, 6 m hoch, dicht nebeneinander, auf denen in umgekehrter lage die gleiche 2er-form mit dem schmalen ende nach oben zeigt. unter meinem fenster ist die busstation für den comercio & die ciudade baixa. in der woche um carneval türmen sich hier frühheimkehrer bis morgens um 10 uhr, wenn die sonne schon längst ihre strahlen von der oberstadt über das wasser schickt, nach einem letzten brahma oder einem antartica, bem gelada. kommt ein bus, beginnt eine wilde balgerei an der hintertür, bei der frauen & kinder nicht den kürzeren ziehen.
am abend will ich die altstadt, den pelorinho, besichtigen & laufe ein paar schritte die rua marcilio dias entlang, links der atlantik, rechts der steile felsen der festung. an den häuserwänden sitzen weißgekleidete frauen in baihanischer tracht auf einem kleinen hocker & verkaufen aus einer aluminiumschüssel acarajé, das heiße fett neben sich siedend, die zutaten auf einer kiste vor sich ausgebreitet & mit einem tuch abgedeckt. der platz ist fast leer. die schrankförmigen buden, an denen nachtschwärmer bis in den mittag zechen, sind geschlossen. ich erreiche den elevador, das 70 m hohe, ockerfarbene L. in seinem inneren verbindet ein aufzug die hochgelegene altstadt mit der unterstadt. normalerweise kostet die fahrt ein 5tel eis oder eine halbe packung streichhölzer, aber zur carnevalszeit hat die präfektur von salvador, die überall in großen buchstaben damit wirbt, für den besten carneval der runden, sich drehenden erde zu arbeiten, die fahrt freigegeben.
grau gekleidete, gut bewaffnete militärpolizisten stehen am eingang & kontrollieren mit metalldetektoren die schlange nach waffen. es ist warm & vom meer weht eine brise salz unter mein shirt. die schalange ist einen häuserblock lang. keiner hat mehr als ein hemd & eine hose oder einen knappen rock am leib. ich fahre mit einer 30köpfigen gruppe in sekundenschnelle nach oben, laufe über die halbvolle praça municipal an einer bühne vorbei & überquere die praça da se. die ersten paare wiegen sich im schnellen takt. von hier starten die trios electricos auf ihren riesigen lkws, zu lautsprechern umgebaut, eine tanz-wett-fahrt über die praça castro alves & den campo grande bis an den winzigen strand des stadtteils barra, um mit ohrenbetäubenden shows den schnellen rhythmus in millionen naßgeschwitzte beine zu hämmern. langsam füllt sich der platz. der pelorinho weiter vorne wird, finanziert von der weltbank, gigantisch restauriert, mit nordamericanischen scheinen & südamericanischen, brasilianischen händen gerettet.
ich laufe über unregelmäßiges kopfsteinpflaster, durch enge, steile gassen, vor deren cremefarbenen, 2stöckigen fassaden holztische & klappstühle mit dem zeichen einer biermarke zum trinken einladen. während ich auf einen käseverkäufer warte, höre ich einem gitarrenduo zu. ihre brasilianischen hits werden begeistert mitgesungen von einer traube junger brasilianer. neben mir röstet ein aufgespießter quader ziegenkäse in einer minute über einer kleinen, mit holzkohle gefüllten blechdose goldbraun & fließend weich. ich bestelle ein bier, bitte bem gelada, & als es zu regnen beginnt, flüchte ich mit den anderen ins innere einer hütte, um den kurzen schauer abzuwarten. meine erste flasche hält nicht lange genug, um meinen durst zu löschen, & ich bestelle eine 2te, während sich der saal schon wieder leert. ich schaue mich um & entdecke ein 3er-grüppchen mit einer dicken, blonden weißen, einem dürren typen & einem süßen, dunklen engel. wir schauen uns kurz an & einigen uns unmerklich auf ein abenteuer.
als hätte ich sie gerufen, steht die hübsche schwarze auf & geht an mir vorbei in richtung toilette. ich sehe, wie sie vor versperrter türe steht & deute auf das männerklo, & sie bittet mich, während sie schnell pissen geht, den eingang zu sichern.
die dunkle perle ist paulista. sie liebt das häusermeer wie ich & genießt die großstadt. sie wurde vor 36 jahren in são paolo geboren & hat die stadt bis auf ein paar wochen urlaub im jahr nie verlassen, außer, um am strand in einem kleinen haus mit freunden ein paar ruhige tage zu verbringen & am silvesterabend mit tausenden weiß gekleideter paulistas um eins der unzähligen feuer ins neue jahr zu tanzen. paulistas sind in ganz brasilien als arbeitsam, sonnenscheu, aufgeräumt & amüsierunfähig bekannt. marlyn hatte sich vor 3 tagen in der barra einen sonnenbrand geholt, der ihr schwarzes fell jetzt fleckig weiß macht. ihre dunkle haut schält sich in daumennagel großen fetzen von den festen, runden schultern & dem rücken. ``mais uma¿` noch eins & noch eins. wir trinken die biere gemeinsam aus winzigen gläsern.
vor ihrem hotel an der praça da se nehmen wir noch 2 leckere biere an einer barraca, bis die dicke & der dürre genug haben & sich abseilen, & wir 2 in die unterstadt ziehen an die bushaltestelle, um noch 5 gutgekühlte flaschen mit einem glatzköpfigen, aufgedunsenen informatiker aus brasilia zu leeren. als die sonne aufgeht, stolpert unser trinkgast über das pflaster. marlyn & ich schwirren in bester laune in mein kleines hotel 5 schritte weiter.
die nacht ist nicht nur zum schlafen, sondern auch zum beantworten der alles entscheidenden frage, & so bleibt uns für den näxten tag gerade die kraft, uns an den strand der barra in den schatten eines riesigen umbubaumes zu setzen & bei bulliger hitze ab & an ins gut gewärmte salzwasser zwischen die argentinier zu steigen. ich habe meine capitainsmütze aus martinique auf dem kopf. marlyn trägt einen strohhut & die blonde ihre schirmmütze. die argentinier kennen keine gnade. während sie aufgeregt ihre nassen locken zurechtfummeln, leeren sie ein frisches antartica nach dem anderen aus styropor- ummantelten, eiskalten flaschen. ihre essensmarken, von staats wegen an den us-dollar gebunden, fliegen den strandverkäufern zu, so daß selbst das kleine wassereis 3mal so teuer ist wie in der stadt.
nach einem caldo de sururu, einer heißen suppe aus meeresfrüchten, beginnen wir den abend einzuläuten mit einem kühlen, leckeren brahma, bem gelada. das erste trio fährt oben auf der straße vorbei. der strand hat sich bis zum letzten sandkorn mit braungebrannten, wenig bekleideten, jungen menschen gefüllt, die jetzt aufstehen & auf die hohe mauer schauen, wo der lkw mit der band zu sehen ist, umringt von 1000 tanzenden beinen. auf einem feuerwehrauto steht ein uniformierter. er dreht den hahn auf & spritzt einen dicken wasserstrahl von seinem führerhäuschen über die johlende menge. unten auf dem strand wiegt ein einziges, braungebranntes wesen die hüften bis die sonne untergeht & die müden füße nach hause wollen.
anderntags schauen wir uns den aufmarsch der blocks des baíanischen carnevals an. 200 trommler des olodum sind von weitem zu hören. tac tac tum, taca taca tum. vorneweg ziehen 3000 junge leute, zum teil ausländische gäste, in grünen anzügen mit aufgedruckten früchten, der praça da sé entgegen, wo auf einem lkw die band bereits ihren soundcheck macht. tac tac tum, taca taca tum. tac tac tum, taca taca tum. als die trommlergruppe durch die engen gassen der altstadt marschiert, dröhnen die tiefen surdu eindringlich im bauch. wir werden im gewühl gegen eine häuserwand gedrückt. marlyn greift meine hand & führt sie an ihre hüften. den rest finde ich selbst. alles ist rhythmus, laut & eindringlich, ist klang, tief & dumpf, ist bewegung, schnell & heftig, unsere körper erfassend, wie wellen. als der spaß an uns vorbei gezogen ist, küssen wir uns lange & laufen gemütlich an den platz.
hinter uns folgt der vielleicht schlechteste bloco aller zeiten, die chayen, ganz in gelb & mit einer 50köpfigen rhythmusgruppe, deren 7 reihen so gegeneinander spielen, daß sich die schlagfolgen auflösen & zerfallen, bis der anführer entnervt abpfeift & die band von vorne beginnt.
marlyn drückt mich in einen hauseingang & küßt mir die lippen feucht. von der praça da sé her kommt mein lieblings-bloco, die jüngste & zugleich kleinste truppe, 2 hände voll kids, mit 2 mädels an der snare & einem xbeinigen zwerg als anführer. sie schlagen einen schnellen, gut gebutterten samba reggae, von knappen, zackigen mustern unterbrochen. die hintere reihe besteht aus 3 baßtrommeln, deren sonnenbrillen-träger den nackten oberkörper für jede note in wilde zuckungen versetzen & die schlaghand in großen bögen über dem kopf schwingen. rechtzeitig & genau zum passenden zeitpunkt tauchen sie kräftig in das leicht gespannte fell der hüfthohen trommel & legen die tiefen brocken auf die 1 & die 3. die vorletzte reihe antwortet mit ze 2 & 4 ze. beidhändig rühren die mädels in einer üppigen snaresuppe mit vielen, scharf gewürzten 8teln. auf der hellen repenic reichen die jüngsten mit 2 dünnen, krummen ästchen 16tel in schillernden mustern nach. vor meiner hüfte wackelt marlyns po schnell hin & her, als wolle er die band antreiben. der xbeinige, kurzgewachsene meister schaut seine noch kürzeren schüler lachend an. auf einen pfiff endet die show mit einem gut einstudierten muster. ich kann jetzt unmöglich von marlyns hüfte weg.
der größte & älteste bloco, filhos de gandhi, ganz in weiß, ehrt den großen mahatma, den führer der machtlosen. mit weißen tüchern als kleider, blauen perlenketten als schmuck & weißen frottierhandtüchern als turbane ziehen 5000 schwarze männer hinter einem kreischenden lautsprecherwagen einen schneeweißen teppich von der praça da se bis an die praça castro alves.
spät am abend nimmt meine paulista die befehle ihres capitains entgegen, der, wie es der verstorbene zappa ausdrücken würde, ein paar kreisbewegungen auf der zuckerpflaume anordnet, so daß ihr weicher, rosiger kern vor seinen augen versteinert & honigsüßer pflaumensaft über seine lippen läuft & seine weiße banane nach ein paar knappen stößen & viel zu früh ihre spärliche milch in die wild zuckende frucht gießt. das näxte mal, so einigen wir uns, wird der capitain keine anweisungen geben, & wir beschließen, die rollen zu tauschen. zutiefst müde gebe ich meine befehlsgewalt an die süße, erfahrene paulista ab.
diesmal nimmt meine dunkle katze die sache in die hand & küßt die helle freude ihres capitains mit ihren dicken, weichen lippen zur vollen größe, während er, unter ihrem becken liegend, darauf achtet, die dunkel glänzende frucht & den rosafarbenen kern sauber mit der zunge auszustechen, bis durchsichtige, klebrige tropfen rauskommen. wir ziehen uns beide & besonders mir ein hemdchen über, um schnell von dannen zu reiten, dem tiefen, traumlosen schlaf entgegen.
ja, so einfach geht das, so einfach kann die sache sein, wenn wir beide wollen & beide die kleine, anerzogene angst hinter uns lassen, wenn wir uns ganz auflösen ineinander & den befehl des anderen bis zuletzt, liebevoll & fürsorglich, ausführen, wissend, daß jeder, aber auch wirklich jeder an die reihe kommt. denn von der einen sache, die uns alle oder fast alle beschäftigt, gibt es wahrlich genug auf der runden, sich drehenden erde, um alle & wirklich alle restlos zufrieden zu stellen, bis keine frage mehr unbeantwortet & kein wunsch mehr offen ist, bis die nebensächlichen & lächerlichen dinge in den hintergrund treten, bis wir schließlich als wissende das falsche vom wahren trennen & uns nicht mehr aufhalten mit längst beantworteten fragen, mit den vorgestellten, inneren & hinter den dingen verborgenen, geistigen & ideellen welten, sondern uns ganz unserem körper widmen & den materiellen dingen, den festen, fühlbaren sachen, nicht den erinnerungen, sondern dem reizenden, sowieso zu kurzen leben selbst.
© m.k.
Michael Kloeckner Radio Radieschen 2002-01-22