next up previous contents
Nächste Seite: yoga Aufwärts: Spucke im Mund Vorherige Seite: spazieren im park   Inhalt

vorabend

in mexico city, dem herzland von nafta, sieht die lage ganz anders aus. in der 80 km entfernten volks-wagen-stadt pueblo produziert europas erster & größter automobilkonzern unter den flinken händen der einheimischen munter den kleinen, zuverlässigen käfer, der ohne beifahrersitz in giftgrüner oder postgelber herbielackierung mit weißem dach als taxi in 4er reihen um den zócalo der haupstadt über das breite pflaster hoppelt, immer bereit, dich an jede, oder fast jede ecke der stadt zu bringen & den ausländischen gast natürlich besonders gern. die chronische überkapazität im transport & bei der arbeitskraft macht den vollständigen einsatz des verfügbaren, menschlichen kapitals überflüssig, was dem europäischen autokonzern preiswerte, gut ausgebildete, arbeitswillige schuhputzer beschert, in einem land, in dem der stiefel viel gilt & der staub kaum knapp wird.

in guadalajara, der hauptstadt des bundestaats jalisco, habe ich deren dienste in anspruch genommen, um meine abgelaufenen secondhand-botticelli neu besohlen zu lassen & ihnen einen glanz zu verleihen, den sie seit ihrem kauf nicht mehr gesehen hatten. ich wollte der heiligen jungfrau einen besuch abstatten. da sind geputzte schuhe ehrensache.

an der ecke avenida 16 de septiembre & avenida juares kaufte ich einen observadór & setzte mich mit einem milchcaffee, den ein weißberockter ober aus einer kanne milch & einer kanne caffee gegossen hatten, auf den brusthohen roten plastiksessel unter die schatten der akazien & schaute auf das dunkle bärtchen meines dienstleisters von oben herab, das voll & sauber geschnitten über den weichen, hungrigen lippen seitlich auf- & abwippte, während sein träger mit aller ehre, die solch eine arbeit benötigt, meine alten schuhe in neue form bringen würde. er ahnte wohl mein morgiges vorhaben.

nach einer reihe nägel, die den weg vom mund des meisters in die sohle meines schuhs fanden, zog er mir die neue ware wieder an & setzte meine füße in die dafür am sessel angebrachten halterungen vor seine nase. die knöchel schützte er mit je 2 von jahrelangem gebrauch dunkel gefärbten plastikkappen & band die krempe meiner hose bedächtig 3 schlag nach oben. ein trockener, ja ernster luftzug, von unten gegen die oberlippe geblasen, kühlte ihm nase & stirn. nach der seifenreinigung mit viel wasser, wie sie sonst nur von barbieren beherrscht wird, & einer ebenso feinen wie liebevollen abtrocknung mit einem nur für diesen reinigungsvorgang zu verwendenden stofflappen, folgte die auswahl der grundierung, in meinem fall ein bräunliches braun, die er mit pinsel & verdünner in feiner handarbeit auftrug. für die neue besohlung malte der bart an meinen absatz einen schwarzen strich bis an den rand des leders. der milchcaffee war vielleicht eine spur zu bitter.

der folgende arbeitsgang bestand aus dem 3maligen auftragen gewöhnlicher schuhcreme, passend zur grundierung, diesmal einen tick brauner & mußte zwingend mit den zeigefingern beider hände bis unter die nähte gerieben werden. ich begutachtete nochmal meinen milchcaffee & der bart sein unvollendetes werk. während ich den observadór studierte, ließ er das wachs gehörig einziehen & begann rechtzeitig eine erste, grobe politur mit hilfe einer festen bürste, deren borsten vom vielen bürsten ganz braun geworden waren, um die überflüssige fettcreme an die nur unzureichend geschmierten stellen in der innenseite weiterzuleiten & den in verdünner & öl gelösten farbstoff tief ins leder zu massieren, wodurch es bereits eine vorläufige geschmeidigkeit erhielt. die 2te bürste, etwas heller in den borsten & weicher im strich geführt, folgte der ersten & schwang sich, mit meisterhand vom bart angeschoben, wie der geölte blitz über mein zum glänzen gezwungenes schuhwerk. eine 3., sehr feine borstenreibung folgte nach farbausbesserungsarbeiten an der absatzlederkante, um alles mit unzähligen, sehr starken strichen eines wollapens zu wienern, daß ich im glanz meiner fußtracht meine alten schuhe kaum wiedererkannte. alles hatte nicht viel mehr als eine zigarettenlänge gedauert. ich war stolz & gewappnet für den heutigen abend & den morgigen 12ten oktober, an dem die heilige jungfrau von zapopan & der gottlose sohn meiner religiösen mutter ein zusammentreffen haben würden.

die architekten der innenstadt von guadalajara sollten einen preis für städtebau erhalten. sie haben neben der großzügigen fußgängerzone um die kathedrale & der piedro losa, in der händler bis spät in die nacht hinein preisgünstige angebote verhökern, eine wohltat architektonischer art zustandegebracht, deren nachahmung ich allen bauplanern & stadtkämmerern in ihren planungsausschüssen über alle parteilichen grenzen hinweg unbedingt anempfehlen kann. anstatt den autos & ihren stinkenden motoren den vorzug & das sonnenlicht zu gönnen, wurden sie, wenigstens zwischen der plaza de la liberación & der independencia 5 m unter massive steinblöcke gelegt, so daß vom grölen der motoren nix mehr zu hören ist, es sei denn, einer hält sein ohr über einen der breiten, vergitterten lüftungsschächte an der plaza tapatia oder der gegenüber gelegenen esquina del diabolo, der ecke, die vor 400 jahren den kolonialzeitmäßigen propagandaapparat, die inquisition der heiligen katholischen kirche, beherbergte. augenblicklich stehen die kids über den gittern & lassen ihre riesigen hüte & die leeren plastiktüten von der aufsteigenden luft in den himmel tragen.

von meinem hotel in der morelia bis zur 2türmigen hauptkirche sind es 3 minuten fußweg, & ich setze mich, die schuhe frisch geputzt, am vorabend der alljährlichen jungfrauenverehrung in bewegung, um meinen magen mit den leckereien der straßenhändler & garküchen zu füllen. über dem zentrum der stadt liegt eine eigenartige unruhe, wie in einer insektenkolonie kurz vor dem hochzeitsflug. die luft ist schwer vom durchdringenden, bläulich süßen duft gebackener maisfladen. mit fleisch gefüllt werden sie tausendfach in den händen hungriger menschen zu stielen gerollt & gegessen. ich stehe auf der gepflasterten, autofreien avenida hidalgo neben dem platz vor der kathedrale, der überfüllt ist mit frisch verliebten heteropärchen & riesigen, 5 generationen alten familienclans, mit singenden händlern, klausbunten tänzern, gruppen grell geschminkter mädchen & junger männer & all denen, die dem spektakel der jungfrauenverehrung beiwohnen wollen. es wimmelt von menschen. neben mir preist irgend jemand sonnenbrillen an.

``son a cinco, cinco, cinco, son nuevo, son de novidad, son a cinco, cinco, cinco, son nuevo, son de novidad.`` sein lied geht mir wie eine bekannte melodie ins ohr. zwischen meinen füßen liegen audiokassetten, jojos, strohhüte, schürzen, tonpfeifen, parfümflacons, ledertrommeln, kinderkleider, tücher & verschiedene formen von weihrauch auf den riesigen steinquadern genau vor den fenstern eines gut gefüllten kaufhauses. ein pulk menschen schiebt mich mit 3 durados in der hand auf den platz vor die kathedrale.

neben dem runden steinbrunnen finde ich halt unter einem quadratisch geschnittenen tabachinbaum. männer machen sich hastig an einem bambusgestell zu schaffen, das 7 m in den hell erleuchteten nachthimmel hinein ragt. über uns schwirren millionen insekten, angezogen vom licht, dem geruch der maisfladen & den zigtausend menschen auf dem platz. die steinbank unter dem baum ist restlos besetzt, genauso wie die stufen am brunnen. wer keinen unechten bart zum ankleben hat oder keine fingergroße metallfigur, die sich beim drehen windet wie eine tänzerin, wer ohne süßen lutscher herkam & ohne kaugummi oder ohne zigaretten, wer keine faustgroße plastiktüte mit süßem saft in der hand hält, läßt sich jetzt von den vorbeiziehenden verkäufern die auswahl zeigen, um sich einzudecken bis an die letzten tage der runden, sich drehenden erde. die luft ist rauchig vom holzkohlefeuer & gesättigt vom geruch gebratenen rindfleischs & heiß gebackener maisfladen. zu beiden seiten der 16 de septiembre stehen die menschen dicht gedrängt auf den stufen einer metalltribüne, vor ihnen das portal der beiden 40 m hohen kathedralenschiffe, mit palmen & bast geschmückt. ein mann & eine frau ziehen vorbei, beide im rollstuhl, mit einem kind auf dem schoß der frau. sie werden weitergeschoben, wie alle, die durch den menschenhaufen schwimmen.

hinter der kirche bildet sich ein 20 m langer gang in der brodelnden menge. 2 dutzend junge trommler springen in 2er reihen mit einer fahne & 2 riesigen, langen peitschen von einem ende zum anderen. die teilnehmer des kleinen schwarms tragen alle das gleiche kostüm, eine weinrote jacke & eine dunkle samthose, einige mit einer tiefen baßtrommel um die hüften oder einer hellen pfeife im mund. mit schrillen pfiffen & laut knallenden peitschenschlägen halten sie den schweiß der staunenden menge beiseite.

ich ziehe mich auf einen gekühlten karottensalat in ein caffee zurück, mir gegenüber am tisch eine indiofrau. sie hat das alter meiner mutter, das alter jeder mutter, die grauen haare in einem langen zopf nach hinten gebunden. sie streicht sich in bedächtiger handbewegung, als wolle sie eine feder fangen, die strähnen aus dem sonnengebräunten, faltigen gesicht. es ist zeit für einen dunklen caffee mit viel zucker, den sie sich mit dem verkauf von papas verdient. ihre grau karierte schürze reicht bis über die waden, wo ein rotbunter rock ihre füße bedeckt, die im sitzen auf der querleiste des stuhles ausruhen & kaum die ockerfarbenen steinfließen des fußbodens erreichen. 2 schwarze augen schauen wie hinter einer lesebrille prüfend auf den korb mit den tüten handgemachter kartoffelchips, zu einem peso die portion. die alte greift seitlich herab in die tasche ihrer schürze & beginnt andächtig & genau abwägend, mit den münzen kleine türmchen auf der plastik-tischdecke zu stapeln, jeweils einen peso stark. wieder & wieder zählt sie das blech, während ihre stirn runzeln wirft, bis die flügel der schlanken adlernase nach oben fliegen. ich begutachte das metall, das sie gleich dem geschäftigen kellner in der fleckig weißen jacke geben wird, während auf der straße kinder laut auf ihren pfeifen blasen, die fahrenden händler im vorbeigehen ihr lied singen & die tanzbar im ersten stock schlagermusik spielt. einzelne finden kaum beachtung im trubel des frühen abends, an dem die heilige jungfrau von zapopan wegen unglaublicher wundertaten geehrt wird für ihre unglaubliche, schier endlos engelhafte geduld im erleiden, geehrt wird von jedem, der einen hauch religiosität oder einen fetzen neugier oder ein bißchen sehnsucht hat nach dem gewimmel von menschenhaut.

ich verlasse das caffe & laufe an einem wanderprediger vorbei, der seine seele in ein übersteuertes mikrofon brüllt, von seiner frau & seinen kindern begleitet, vorbei an den uralten, riesigen familienclans, die unter den arkaden des palacio municipal den morgen bis zum großen schwarm abwarten, bis auf den platz vor der barocken kathedrale. hier drängen sich hunderttausende. ein johlen erfaßt das zentrum und schwillt an, als das bambusgestell in brand gesetzt wird. unten werfen flammen kleine kugeln ab, daß die funken sprühen. die ersten bezahlen ihre gute sicht mit brandflecken im pelz. beißender schwefelgeruch steigt gelb in den hell erleuchteten nachthimmel. die menge grölt mit einem fliegenden licht, das über unseren köpfen einen glitzernden regen versprüht, dann bei einem roten blitz, der unter einem krachen den platz erleuchtet. auf 3/4tel höhe sind stützseile angebracht, die eine kette kreischender heuler über unsere köpfe jagen & an kreisenden rädern gold verschenken. auf der spitze dreht sich ein rad, & der platz klatscht laut befall, als die oberhalb angebrachte kugel in flammen aufgeht & nach allen seiten buntes, gleißendes licht aussendet.

ganz oben, auf einer stange über der pyramide, vom gesamten platz aus gut sichtbar, glimmt zaghaft ein 5zackiger stern, leuchtet rot, erhebt sich langsam über uns & schwebt, zischend von seinem feuer getragen, innen rot glühend, außen hell weiß leuchtend, himmelwärts. er läßt sich zeit beim fliegen, als ob er sich umschauen wollte, wohin die reise geht. hunderttausend augen folgen dem fliegenden licht, tragen den stern höher in den himmel & schieben ihn mit einem raunen auf die kirche zu, wo er auf dem kapitell des linken turms landet & minutenlang seine heiligenden funken über unsere köpfe versprüht. pärchen fallen sich in die arme, um sich zu küssen, & die alten bekreuzigen sich aufgeregt in tiefer eintracht mit ihrem selbstgewählten herrn. in weniger als 6 stunden wird sich der gesamte platz aufmachen, um im 12 km entfernten zapopan, einer gemeinde von guadalajara, der heiligen jungfrau maria, oder was von ihrer mechicen-urahnin nach 500 jahren katholischer propaganda übrigblieb, in einem langen schwarm zur kleinen, 2türmigen kapelle zu huldigen. ich laufe, gerufen von meinem freund, zurück über den platz, an der trommlergruppe vorbei, die inzwischen konkurrenz bekommen hat, zu meinem hotel. niemand außer mir zeigt anzeichen von müdigkeit, & so schlafe ich die nacht alleine.

am anderen morgen um 10 ist die fußgängerzone bis zur kathedrale wie ausgestorben. die schuhputzer haben ihre metallsessel in einer reihe geparkt & jeden der arbeitsplätze mit einem schloß verriegelt. die arkaden sind gereinigt, die tribüne abgebaut & die hauptstraße des 16 de septiembre, sonst vollgestopft mit autos & menschen, gähnt leer am sonnigen sonntagmorgen. ein omnibus bringt mich 5 km weiter die alcalde entlang, biegt links in die avenida avila canacho ein & stoppt an der 8spurigen avenida nomalistas. menschen laufen auf den fahrbahnen. der bus kehrt um, & ich steige aus, um zu fuß weiterzugehen.


next up previous contents
Nächste Seite: yoga Aufwärts: Spucke im Mund Vorherige Seite: spazieren im park   Inhalt

© m.k.

Michael Kloeckner Radio Radieschen 2002-01-22