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yoga

mein tag beginnt üblicherweise mit einer 4tel stunde yoga. ich mache die kerze & die brücke & das 3eck. die wachen bewegungen, die jede faser meiner unzähligen muskeln erfassen, lehren mich, meinen körper zu erforschen & zu benutzen & ihn nicht vor mir herzutragen, wie ein hüftkranker europäer. ich schaue den tieren zu, wie sie ihre gelenke dehnen & ihre einzelnen glieder zu einem ganzen fügen, das mehr vermag, als seine teile. ich mache mir bewußt, daß alles, oder fast alles in mir, in einem zusammenhang steht mit allen anderen teilen, & daß die sehnen & fasern von der fußspitze über die zehengelenke, über die fußwurzelknochen & die knöchel, über die knie, weiter durch das vielschichtige hüftgelenk, die wirbel hinauf, am schlüsselbein vorbei, durch die schulterkugeln, über die ellenbeugen bis zu den handwurzelknochen & in die einzelnen fingergelenke hinein eine einzige, bewegliche, drehbare, zusammenhängende kette von bändern, kapseln & knochen bilden, die alle einer stetigen veränderung unterliegen. um mich zu strecken, hat es keinen sinn, den kleinen finger zu bewegen, & um mich zu beugen, langt bei weitem kein knick im hüftgelenk.

jede katze ohne eigenen willen & ohne den selbstdenkenden, entscheidungsfähigen verstand & jeder hörige, reumütige hund weiß mehr über sich als der durchschnittswestler mit durchschnittsstuhl, obwohl beide in einer kultivierten welt der zivilisation leben, weit ab vom echten, sowieso zu kurzen leben, das schmerzhaft & lustvoll, anstrengend & süß zugleich ist.

der geist des yoga ist seine materie, denn außer materie gibt es nix, oder fast nix auf der runden, sich drehenden erde, & alles, was ist, lebt durch die materie & in ihr. nicht der wille ist es, der den körper bewegt, sondern es ist der körper selbst, der sich bewegt, angeregt durch den willen, den freien willen, das einzig wirklich freie, was menschen seit menschengedenken besitzen. es ist der wille, der den körper veranlaßt, sich seiner vielen möglichen bewegungen zu erinnern, schmerzhaft & lustvoll zugleich, wie jede körperliche erfahrung, & es ist der körper, der sich bewegt, ohne den willen verdammt dazu, auf der immergleichen bahn, in unendlicher, nie endender form sich zu wiederholen.

schau dir an, wie eine katze ihren buckel macht, oder wie der hund mit dem kopf nach unten die vorderläufe ausstreckt, die hüften hoch gegen den himmel lang machend, einen bogen schlägt mit seinem rücken, um seine gelenke in eine sanfte spannung zu versetzen.

ich weiß, daß die erfahrung nicht schmerzfrei & lustlos vonstatten geht, wie eine geistige erkenntnis. der körper denkt mit seiner chemie, die er benötigt, um zu tun, wozu er in der lage ist, & jede bewegung, wenn sie zum ersten mal ausgeführt wird, erzeugt einen aha-effekt, über die hier-bin-ich-also-formel, deren gesammelte kraft als informationsschmerz spürbar wird, als das erste gefühl, als ich auf die runde, sich drehende erde kam & meine lungen sich aufblähten & mit luft füllten, & ich den schmerz laut in die welt schreien konnte. was damals automatisch vorwärts ablief, geht jetzt bewußt rückwärts. ich benutzte meinen atem, um die nötige energie aufzubringen, die mir fehlt, wenn ich den informationsschmerz als anzeige für energiemangel spüre.

ich atme tief & bewußt, durchdringend & kraftspendend das einzige ein, was auf der runden, sich drehenden erde noch umsonst zu haben ist, den brennstoff, den die pflanzenwelt als nebenprodukt der photosynthese erzeugt, & wenn ich richtig atme, nicht krampfhaft nach luft ringe, sondern angstfrei & ruhig meine lungen fülle, indem ich den unteren bauch ausstrecke & wie einen bogen spanne, wenn ich ihn dann freigebe, wie der baum die reife frucht, um die verbrauchte luft ausströmen zu lassen als nahrung für die photosynthesewesen, dann beginnen die fasern der unter niveau arbeitenden muskeln mit einer körperlichen erkenntnis, wie sie von keiner schule vermittelt wird, wie sie nur die materie selbst zu wege bringt, einer erkenntnis, die kein bewußtsein benötigt, weil sie unmittelbar & rein praktisch ist, einer erkenntnis, die jede grenze als trennlinie zu etwas neuem versteht, als überwindbarer & verschiebbarer strich zwischen fast schon & noch nicht.

es gibt kein ziel & keinen für immer erreichten zustand. es gibt keine unüberwindbaren hindernisse & keine unglaublichen schätze. alles ist stetige, ständige, gleichförmige, konkrete arbeit, die weder erdacht, noch erträumt, noch einfach erinnert werden kann, sondern von mir alleine für mich alleine getan werden will.

wenn du es nicht machst, macht es keiner für dich, & du wirst immer über die runde, sich drehende erde laufen, wie ein verzogener, bettlägeriger westler, wie ein im zoo geborener tiger, der nix kennt als die stäbe seines winzigen käfigs, unfähig in einer ihm gemäßen umgebung zu leben. was dich vom tiger in seinem käfig unterscheidet, ist dein wille & dein verstand, die kraft & die fähigkeit, dich aus dir raus zu denken, gedanklich einen versuch durchzuführen, dich wieder in dich hinein zu denken, & den versuch von der gedanklichen welt in die praktische welt der dinge zu heben, wo alles, oder fast alles wirklichkeit ist, eine konkrete tatsache & sonst nix. wenn du die vorwärtsbeuge versuchst & dabei deine beine nicht nach oben streckst, weil der hier-bin-ich-also-informations-schmerz dich betäubt, & weil du glaubst, keine kraft der runden, sich drehenden erde sei in der lage, deine zehen bis zur hüfte hinauf in den himmel zu strecken, dann vergiß es. setz dich in einen sessel & telefoniere, oder träume von einem urlaub am strand.

willst du allerdings deinen körper bewohnen wie der wind den himmel bewohnt, dann bewege ihn & gehe auf eine reise, die weder ein festes ziel hat, noch einen genau einzuhaltenden weg. mache dich auf, in die unbekannte wüste deines rückens, in die unendlichen weiten deiner arme. staune über die unglaubliche kraft deiner oberschenkel, die beweglichkeit deiner lenden, die alles andere sind als ein 4eckiger kasten mit röhren am untern ende. lache über die drehbarkeit deiner wirbelsäule, deren eine funktion von vielen es ist, deinen kopf hoch über den schultern zu halten. schaue dir die tiere an, den schwan & den hund & die katze, die schlange & die heuschrecke & den löwen & verstehe, wie alles in deinem körper mit allem in verbindung steht, & wie jede unterbrechung in dieser kette die teile voneinander abschneidet & sie für immer vereinsamt, bis sie schließlich unbrauchbar werden & absterben, wie die welken teile einer pflanze.

alles ist arbeit, das ganze, sowieso zu kurze leben ist arbeit, & selbst autofahren, telefonieren & schlafen ist arbeit, & sie gehört gehörig vergütet. essenmachen ist arbeit & schauen & nach hause kommen & verreisen.

keiner kann dein kurzes leben leben, & keiner wird je das sowieso zu kurze leben eines anderen leben. keiner wird je mein knappes leben führen, so, wie ich es lebe, selbstgewählt & begrenzt durch die materiellen möglichkeiten, die mir zur verfügung stehen. das planen des morgigen tages ist arbeit & das vertrödeln der zeit bis dahin, essen & verdauen, machen & einordnen von erfahrungen, all das ist arbeit, täglich geleistet von über 5000 millionen menschen zu allen tages- & nachtzeiten auf allen teilen der runden, sich drehenden erde. alle, oder fast alle, träumen davon, irgendwann mal in ihrem sowieso zu kurzen leben die soziale leiter ein paar stufen hinauf zu steigen & es mit ein bißchen glück sogar bis ganz nach oben zu schaffen, anstatt sich gemeinsam um die planung der grundlegenden & praktischen lebensbedingungen derart zu kümmern, daß ein materielles auskommen für alle & genau alle ohne not & ohne sorge gesichert ist. die schwierigkeiten des einzelfalls sind von ganz anderer natur als solche, wie sie bei allgemeinen fällen auftreten.

die streckung der waden & der oberschenkel nach oben, bis das becken sich über den beinen in den himmel erhebt, ist theoretisch betrachtet begrenzt, während eine einfache yogaübung wie die vorwärtsbeuge bereits zeigt, daß diese grenze genau dort beginnt, wo mein wille endet, meinen informationsschmerz als anzeige des energiemangels zu erkennen & nicht als eine todbringende gefahr, so daß ich meinen körper, den einzigen, den ich habe, & alles, was ich bin, durch ruhige, gleichmäßige, tiefe atmung mit der materiellen, gasförmigen energie versorge, die den schmerz auflöst & mich in einen zustand versetzt, indem ich die trennlinie zwischen dem, was war, & dem, was wird, unmerklich verschiebe, so wie sich die zeit selbst jeden augenblick wandelt & nie das ist, was sie war, & immer schon war, was sie nie sein wird.

ich strecke meine nackten füße auf den boden, & während ich die zehen spreize & mein gewicht auf die ballen verschiebe & die fersen wie 2 schienen schulterbreit nach hinten ausrichte, treibe ich mit der kraft, die mir mein atem verleiht, die muskeln der waden & der oberschenkel nach oben, bis die hüfte sich zu öffnen beginnt wie eine blume am morgen & die bänder der unteren lendenwirbel freigibt, um sie langsam zu dehnen, so daß die nach unten wirkende schwerkraft meinen rücken mit jedem der vielen muskeln entspannt in die beuge zieht, & ich mit den verschränkten ellenbogen unter meinem kopf einen freiraum schaffe, in den meine wirbelsäule langsam sinkt. ich spüre, wie die weißen, festen schutzhäute um meine muskeln aneinander reiben, wenn sich ein strang über den anderen ein wenig zum boden hin schiebt. nach 10 tiefen atemzügen beuge ich die knie ein, so daß mein steiß fast den boden berührt, & richte mich auf, wobei ich gleichzeitig die arme über die schultern & den kopf hebe. ich fühle mich voll & leicht, wie ein luftgefüllter ball.

alle menschen, oder fast alle, wollen geliebt werden, wollen wissen, daß es andere menschen gibt, die ihnen zugeneigt sind, wollen es zeigen, indem sie zutraulich & handgreiflich werden. sie wollen ficken & gefickt werden, & dazu gehört manchmal der vom yoga bekannte hier-bin-ich-also-informations-schmerz, kurz bevor sich die muskeln zusammenziehen & verkrampfen, um darauf hin in einem stottern in rhythmische zuckungen zu verfallen, bis schließlich die erlösende hormondroge ausgeschüttet wird & alles in einen betäubenden glückszustand versetzt, naß & neblig wie ein gut geheiztes dampfbad, bis schließlich die milch überkocht & alles mit glückssuppe übergießt. fehlt diese art von chemie, so verlagert sich der stoffhaushalt langsam & über einen langen zeitraum in einen sauren, angespannten bereich, & du wirst über kurz oder lang die fähigkeit verlieren, die welt klar zu sehen & statt dessen alles, oder fast alles, als einen angriff begreifen, was andere an zärtlichkeit für dich aufbringen.

wenn ich für längere zeit nicht gefickt worden bin, befinde ich mich in einem ungemütlich gehetzten zustand. meine augen schmerzen, & meine haut ist gereizt. ich verströme den bitteren dunst ungestillter sehnsucht & laufe wild blickend durch volle straßen an unzähligen passanten vorbei, die mich tapfer ignorieren, weil sie ihren frieden geschlossen haben. ich kann mich dann nicht beruhigen, & ich will auch nicht, & so trieft mir der schmerz aus den lenden & mich umgibt hilflosigkeit & bedürftigkeit. ich gleiche einem getretenen, verranzten hund, einer verwahrlosten, gebissenen katze. mein herz schlägt unregelmäßig & schnell. meine beine stolpern über den boden. mein kopf ist gefangen in der einen frage, die sich in meinen schädel hämmert & mich blind macht vor wut & aufregung, & indem ich mich frage, wo du bist, mein du, mein anderes, mein gegenstück & mein glück, meine liebe, mein knappes leben, mein engel, mein blut, mein schatz, der geboren wurde, um mich zu berühren & so meinen schmerz zu lindern, dessen freude es ist, mich lachen zu sehen & der nicht ruht, bis wir beide in den rettenden glückszustand fallen, nach dem sich alle, oder fast alle menschen sehnen, verpasse ich mit trefflicher genauigkeit jede chance, gerettet zu werden von einem der 5000 millionen menschen auf der runden, sich ständig drehenden erde. aber so ist das leben.


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© m.k.

Michael Kloeckner Radio Radieschen 2002-01-22