dabei ist es nicht schwer, sich retten zu lassen. ich stelle mich an eine kreuzung in buenos aires & laufe blind über die straße, sagen wir die libertadór am sonntag mittag, wenn wirklich nicht viel los ist, laufe vom park über die 12 sauber abgeteilten spuren auf das 12stöckige gebäude des argentinischen automobilclubs zu, immerhin 90 jahre alt, & lasse mich von einem stolzen blechritter ins jenseits über den rio de la plata befördern.
an jeder kreuzung in buenos aires, voll von schwarzen taxis mit tiefgelben dächern & collectivos, den privaten bussen, macht sich die aufgestaute ficklücke luft. die fahrer veranstalten einen mörderischen machtkampf, regellos, ungeordnet, unbarmherzig & starrköpfig. keiner gibt nach, sondern steuert mit ungeminderter fahrt auf die seitlich anrollenden blechkisten zu, einem unfall entgegen, eingeklemmt in einen metallkasten, starr den blick geradeaus. alle rollen auf die kreuzung, ohne äußerliche merkmale der aufregung, ganz vom glauben an die unterlegenheit derer beseelt, die zur gleichen zeit die straße benutzen, & der tapferste von ihnen, oder wer sich für den tapfersten hält, wird den kampf gewinnen, bis an die näxte ecke, die eine quadra weiter mit noch stumpferen blechrittern aufwartet. die verlierer dieses machtspiels, wie es allen, oder fast allen männern in argentinien in die wiege gelegt wird, reißen sich zusammen & zerkauen den schmerz, um ihn beim näxtenmal in mut & zügellosigkeit umzusetzen.
was dem blechverkehr an form fehlt, hat der tango an strenge zu bieten. hier, wo es um zügellosigkeit geht, um getanzten sex, um gelebtes leben, ist alles ordnung, ist die arbeit die hüterin aller wildheit, schmerzerfüllt & traurig. mit der gewißheit, die meisterliche form lange nicht erreicht zu haben, wird das vergnügen, sich mit einem liebespartner gemeinsam & in eintracht zu bewegen, vom behutsamen spiel zum bitteren ernst. in genau festgelegter schrittfolge, die knie fest zusammengepreßt, mit steifem rückgrad & starrem blick, treten sich die tänzer gegenseitig in die waden & stellen sich die beine in den weg, daß nur aufwendiges fußkreuzen das tanzen ermöglicht. anstatt die hüften sanft zu wiegen & leicht aneinander zu reiben, schieben sich die paare wie holzlatten durch die schweigenden zuschauer & üben den mißachtenden blick todesmutiger stierkämpfer.
in der 6 m breiten, steingepflasterten florida im zentrum von buenos aires, laufen jede sekunde etwa 10 leute an den unzähligen, kleinen geschäften vorbei. es ist sommer & die mädels haben ihre langen haare offen über die schultern gekämmt. sie tragen hautenge jeans, nur mit einem schuhlöffel anzuziehen, die jede falte ihrer prallen hüften abzeichnen. ich kann das prägejahr der münzen in den gesäßtaschen lesen. andere gehen in dünnen, geblümten, weit geschnittenen sommerkleidern mit einem schlitz, der die innenseite ihrer braunen schenkel bis in den schritt zeigt. die jungs sind sonnenbebrillt & langhaarig & haben sich für den job in einen dunklen anzug gezwängt, der ihren trockenen, herrenhaften gang betont, oder das helle hemd in die hose gesteckt & bis zum nabel aufgeknöpft.
es ist sommer & die heiße luft flimmert über den steinen. ich stehe vor dem caffee richmond, um die rauchglastür in den seiteneingang zu nehmen & im klimatisierten keller einige partien schach zu spielen. unten an den karambolagetischen stehen ältere herren konzentriert über einer 3band-kombination. oben auf der gleißend hellen einkaufsstraße ziehen die nachfahren der hüftkranken westler durch die sonnenstrahlen & lassen keinen blick in ihre augen.
stolz & gelangweilt bewegen sich kleine gruppen durch das licht der 200 jahre alten fußgängerzone, ohne zur seite zu schauen, einsam, unnahbar, gefangen von der mühe, keinen blick zu kreuzen, zu tode gelangweilt vor eitelkeit & stolz, im flannieren vertrocknet, im todeskampf verharrend tot gehofft, unlebendig, sextot, mundtot, augentot, beintot, muschitot & schwanztot, zu tode erobert & totverweigert, lippenlos wegtelefoniert, beim einkaufen am schaufenster totgeglotzt, an hohen absätzen verblutet, adelig & nobel verblichen, nasentot, ohrentot, an der feinen krawatte kripiert, im schicken minirock sonnenverbrannt & parfümiert von schminke erdrückt, an unausgefickten träumen verstorben, arschtot, gesichtstot & körperlos mit den eigenen hemmungen abgegürtelt, beim hochziehen der augenbrauen vor empörung gestorben, jackentot, kleidtot, im verschwiegenen wunsch erfroren, in sehnsucht ertrunken, brusttot, schultertot, von nylonstrümpfen & trägerkleidern zerteilt, gehirntot, nerventot, von engelslocken weggeweht, an schönheit & charakterstärke verreckt, zu tode geschnarcht, vom rasierer abgemessert, beim kämmen tapfer weggestorben, lautlos, höflich zu tode gegreint, ungefickt an der herabhängenden unterlippe verendet, verpulvert, eingeklemmt, zerbissen, notleidend, für immer unglücklich in den tod schampooniert, am hüftschwung zerplatzt, mit geschwollener brust von fremden blicken aus dem sowieso zu kurzen leben gedrückt, zahntot & zungentot, im schritt abgetötet, mit starrheit erstochen, totrasiert, totgefärbt, von unterwürfigkeit zertreten, in todessehnsucht an mißachtung zerschellt, totgehungert, totgelaufen, totgebräunt, am schwitzhändchen mit erhobener sonnenbrille von augenzeugen getötet, abgestorben, geruchstot, bauchtot, kopftot, vom eigenen schwanz ins grab gezogen, hosentot, halstot, wegen vorgetäuschter blutfülle selbst exekutiert, mit der eigenen handtasche aus modebewußtsein erschlagen, am verschränkten arm der unechtheit erlegen, schenkeltot, leblos, reglos, ungevögelt, fleischlos, blutleer, bewegungsarm, für immer & ewig abgestorben, tot, verwest, ungefragt, auswegslos, endgültig & selbstgewählt.
sie sehen nichtmal schlecht aus, die porteños, wenn sie wie gezähmte wildpferde über die belebte fußgängerzone stolzieren, im bewußtsein zur südlichsten nation americas zu gehören, deren fleischverzehr pro kopf alles andere & bisher dagewesene in den schatten stellt.
die menschen in mexico sind weniger ehrgeizig & nicht so steif, sondern stolz auf ihre mechicen-herkunft, wenn sich 100tausende versammeln, um die alten, ermordeten götzen auferstehen zu lassen, die selbst eine erdumspannende glaubensindustrie nicht ins vergessen drängen konnte.
2 km vor zapopan verengt sich die 8spurige zufahrtsstraße & zwängt die massen auf tuchfühlung, wie es sich eine echte jungfrau verbeten würde. die plaza municipal, 200 m im quadrat, an 3 seiten mit arkaden umbaut, zeigt auf die graue barockkirche der heiligen mutter des nichtexistierenden götzen. bepflastert & schattenlos beherbergt der platz unterirdisch aus allen teilen mexicos angereiste tanzgruppen. sie haben sich in den riesigen kellerraum in kleine abteile zurückgezogen, um im kühlenden, lichtlosen gewölbe auf den auftritt zu warten. kinder aller altersstufen dösen im halbdunkel, proben ein paar tanzschritte, den federschmuck auf den fußboden gelegt oder auf eine leine gehängt. andere lauschen aufmerksam den geflüsterten anweisungen ihres anführers oder richten ihre farbige uniform, während nur 3 m über ihnen die helle mittagssonne unbarmherzig ihre brennenden strahlen senkrecht auf die freie, schattenlose fläche schickt.
ich hole mir in der farmacia an der ecke 2 kühle anderthalbliterflaschen wasser & trinke die erste in einem zug weg, um gestärkt im menschenstrom einzutauchen. der vorhof der kapelle ist mit einem mannshohen metallzaun aus lanzen abgesperrt, so daß der schwarm durch 2 durchlässe dirigiert wird. dumpfe trommelschläge aus allen richtungen geben der geduldigen prozession den takt an. von schirmen geschützt & mit tüchern auf der stirn, zieht eine kolonne in 10er reihen cm-weise auf die kleine, graue kirche zu, beaufsichtigt vom glühenden licht der mittagssonne & einer mönchskutte auf dem balkon über dem portal.
hinter dem gitter wohnt in stein & holz gehauen der aberglaube derer, die eine trübe einbildung dem klaren verstand vorziehen. mit unzähligen menschen werde ich in die winzige kapelle gedrückt. ich kann zuerst nix erkennen. weiter vorne vor einer absperrung sammeln emsig wie bienen 4 diener des außerirdischen münzen & scheine & alles, was sie kriegen können, in einen kleinen stoffbeutel. sie stehen neben einer abgegriffenen holzfigur, einer frau mit einem säugling auf dem arm. sie schauen geprügelt drein & verteilen deshalb heiligenbilder. einige drängeln vor & bringen blumen für die ehrwürdige madonna. ein amtsmann in kutte preßt sie kurz an die holzpuppe, um sie dann in eine plastikschale zu werfen, wo sie in einem kleinen bach mit den näxten gaben auf den fußboden fallen. ein junge ist damit beschäftigt, die pflanzen beiseite zu kehren.
die älteren mütter mexicos, die ihre jungen & ihre verheirateten söhne samt ihrer familien zu dieser für ihr geistiges leben wichtigen veranstaltung mitbrachten, zergehen jetzt in tränen, nach innen schon lange weinend, weniger wegen dem ständigen geschiebe oder der schlechten luft im winzigen, überfüllten raum, sondern wegen der dringend benötigten essensmarken, deren mangel kaum zum lachen anlaß bietet.
etwa 2einhalb monate später werden die tapferen ihrer söhne, die weder zu jung, noch zu verheiratet sind, einen aussichtslosen kampf mit dem mexicanischen militär eröffnen, um den bundesstaat chiapas im südosten für einige wochen der ordnungsmacht zu entziehen & dem herrschaftsapparat nix weiter entgegenzuwerfen als ihr bißchen, sowieso zu kurzes leben, & ein paar harte kugeln.
auf dem vorplatz der kirche & im angrenzenden seitenhof trommeln, pfeifen & tanzen mehr als 2 dutzend indianische gruppen uralte, vorchristliche rhythmen, schnell & langsam zugleich, um ihre alten götzen zu beschwören. ich frage mich, ob sie wichtiger & wirkungsvoller sind als die neueren, toten heiligen der heiligen apostolischen kirche. die mechicen-gruppen haben 20 m lange & 4 m breite rechtecke abgegrenzt & bewegen ihre mitglieder in winzigen schritten die freien flächen entlang. alles durchdringend schwingen tief die töne schnell geschlagener baßtrommeln, umsponnen vom gleichförmigen singen heller pfeifen & geigen. neben mir klappern kleine holzinstrumente, die einer stilisierten maisfrucht ähneln. als wehte ein leichter wind, neigen sich die kolben mal zur einen mal zur anderen seite. der sound bildet ein organisches gewebe, das durch die wiederholung in eine rausch führt & seine ausströmende kraft kreisförmig auf die zuschauer überträgt. der gesamte platz tanzt die heiligen, heilenden rhythmen des klangs der runden, sich drehenden erde.
zur gleichen zeit versammeln sich im zentrum von guadalajara auf der plaza de la republica junge, spiritistische mechicen mit universitätsabschluß, barfuß in weißen stoff gehüllt, zu ehren der alten götzen im großen kreis, grüßen die 4 himmelsrichtungen mit einem rauchopfer & drehen ihre mageren körper, während einen steinwurf weiter das militär, mit aller zur verfügung stehenden ehre & unter einhaltung der vorgeschriebenen form, die landesflagge von der größe einer üppig geschnittenen 5zimmerwohnung zackig vom mast holt, sie in genau festgelegtem zeremoniell zu einem zentner schweren klumpen faltet & den stoff wie einen toten staatsmann in die anliegende kaserne schafft.
© m.k.
Michael Kloeckner Radio Radieschen 2002-01-22