wild tanzt trinidad den ältesten inhalt, den tanz hat. sie nennen es den schmetterling, wenn sie langsam in die knie gehen & die hüften auf & ab wiegen, so daß den zuschauern die spucke wegbleibt, die ansonsten in hohem bogen auf die straße fliegt. im spectaculus in der frederikstreet hat das soundsystem von port of spain 12500 watt vor die bühne gebaut. oben steht nur ein kleiner tisch mit den nötigen abspielgeräten. die linke seite ist wie ein gemauerter zaun zur straße hin halb offen. im hinteren teil des 90 m langen raums duftet die luft nach schnell weggezogenen sticks. die dunkle halle läßt keinen genauen blick auf die schwingenden hüften der teenies zu. ich hole mir ein carib auf eis.
in meinem inneren auge zeichne ich buschig behaarte muschis unter engen, kurzen hosen, deren trägerinnen dem baßsound erliegen. ich beeile mich mit meinem joint, um nicht auf dumme gedanken zu kommen, & sauge heftig am trockenen stick.
vor mir steht ein rotes kleid, von den zarten knöcheln bis zu den samtenen oberschenkeln geschlitzt. die schmale insektentaille bewegt sich kaum, während ihr fester, kantiger hintern zackig gegen den himmel stößt. der rote stoff öffnet sich oberhalb des bauchnabels, um über 2 schwarzen kugeln hinter dem nacken zusammenzulaufen. tanzend wippen wir einen ewig langen song zusammen. in ihren jungen augen unter dem hochgefönten pony bemerke ich meine jahre. ich überlasse besesseneren, wilderen hüftschwingern den schmetterling. eine längsgestreifte, knielange hose mit netzhemd steht bereit, auf dem drahtigen haar 2 baseballkappen, den afrikanischen kontinent, das peacezeichen einer großen automarke & einen handtellergroßen dauerlutscher um die brust. das rote kleid gerät beim anblick des zuckerstücks in erregung & schiebt die lenden wiegend gegen die streifenhose, bis sich beide münder zu einem blöden, breiten grinsen verziehen, das viel verspricht.
ich suche meinen letzten grasnebel in der brusttasche & rette den abend alleine & versteinert nach hause. der laden ist mittlerweile in schwung, daß die schwarzen kids & ihre asiatischen altersgenossen bestens in der lage sind, ihre erziehung & ihre finanziellen möglichkeiten zu vergessen. ich steige in ein taf-isuzu sammeltaxi, dessen hochtöner über dem kopf des fahrers gegen die dämpfende deckenbespannung gerichtet sind, & wiege mich im subsonicbaß aus der 17ner box unter meinem sitz hinter die grenzwerte des schallpegels, der in meiner heimat erlaubt ist. kennzeichen hal-2001.
wenn das ohr, dessen wahrnehmung, nicht wie die des auges gerichtet, sondern im panoramawinkel auf 360 grad eingestellt, zeit genug bekommt, um seine hörgenauigkeit auf schwankungen & änderungen der schallwellen einzustellen, so kann es töne hören, deren lautstärke als lichtwelle jedes auge längst zerstören würde, indem es dem trommelfell, schon im bereich von 100tausendstel mm empfindlich, seine feine spannung nimmt & die schlaffe haut so abtastet, daß selbst das dröhnen eines tourbinengetriebenen düsenjets nur als feines summen von einer fernen welt registriert wird. sollte aber ein plötzliches ansteigen der lautstärke oder eine steile schwingungsflanke an ein fein gespanntes trommelfell dringen, dessen gabe geräusche abzutasten, wie grimmelshausen berichtet, ein wort, vom wind aus mehreren km herangetragen, erhöht, & dem muskel keine zeit bleibt, die spannung zu verringern, so kommt es zu winzigen rissen in der feinen haut & die auftreffenden schallwellen werden verzerrt & damit nicht wiedererkennbar zurückgeworfen, so daß die fähigkeit des ohrs bis zur gehörlosigkeit leidet.
wie bei jeder wahrnehmung ist nur ein teil der informationsverarbeitung mechanisch & der andere teil ein eher rechnerischer vorgang, der die mechanisch empfangenen signale zu einem erfundenen & wiedergefundenen bild ergänzt, bis der vergleich mit bekannten, bereits erfahrenen mustern gelingt & das weltsignal ein altes wohlbekanntes geräusch ist, kaum in der lage, uns zu beängstigen oder uns vor unlösbare aufgaben zu stellen, & unser interesse schon verloren hat, bevor es als geordnetes bild seine ablage findet.
bei der vielzahl der signale hängt unser kurzes leben in vollem umfang davon ab, in wieweit wir in der lage sind, möglichst viele der unzählbaren eindrücke in möglichst kurzer zeit & mit kaum spürbarem energieaufwand zu verarbeiten, um die ungefährlichen zeichen auszusieben & abzulagern, damit uns zur verfügung steht, was uns zum ändern unserer handlung veranlaßt. wir hoffen, daß die zeit, die verbleibt, die veränderung zu verwirklichen, größer ist als der schrecken & die angst, die von der wichtigkeit des empfangenen signals ausgingen.
ich wußte, warum ich nicht nach jamaica wollte. ich bin kein reggae fan, war nie reggae fan & werde auch nie reggae fan. ich liebe keine vollmundig vorgetragenen versprechungen, denen nix folgt als dicke, sinnlose lippenbekenntnisse, mit glühenden augen bekräftigt, eine feste hand auf die schulter gedrückt.
``ya man, good vebreytions. réspect man, réspect.`` die betonung auf der ersten silbe, dem re vor dem spect, was rückschau heißt, soviel wie, schau dich doch mal selber an, wie du schon aussiehst. jedem 2ten satz fügen die rastas einen widerruf hinzu, irgend etwas sei gerade kein problem.
``no problam man, no problam, réspect man, réspect.`` der subtropische sommerregen hatte den himmel über kingston leer geregnet & die windward tauchte wieder in den original jamaicanischen, gelblich roten staub der fein gemalenen vulkanerde. ich beschloß, in der regenfreien zeit an den blue mountains vorbei eine überquerung der insel zu wagen, packte meinen freund im koffer auf das metallgestell mit den großen rollen, meine reisetasche oben drauf & den mexicanischen touristenhut dazu, dessen kopfteil ich abgeschnitten hatte, bevor ich die obere kante mit einem regenbogenfarbenen stoffband verzierte. am busbahnhof downtown kingston, dem nicht ganz so feinen teil der hauptstadt, zwischen dem industriehafen & der besseren uptown gelegen, erwarteten mich flinke, kaum schreiende, kaum bekleidete jamaicaner, deren freude es war, anderen leuten in den nichtvorhandenen bus zu helfen.
``come here man, no problam.`` ich hatte mich für die kleine küstenstadt porto antonio an der nordostküste entschieden, anstatt für montego bay an der westküste, wo alle welt den weltberühmten sonnenuntergang mit palme ablichtet. ich wartete nicht lange auf den bus oder jedenfalls nicht länger als ein knappes stündchen. der fahrer & sein fleißiger schaffner knöpften mir 2 reisetickets ab, denn schließlich war ich nicht alleine, sondern mit meinem freund unterwegs, der neben mir platz finden mußte, wollte er mich auf meiner inselüberquerung begleiten. der bus füllte sich bis übers dach & darüber hinaus mit leuten & gepäck. wohlgelaunt verließen wir kingston in richtung spanish town. die straße fädelte sich zur inselmitte durch enge haarnadelkurven, durch saftigstes grün zwischen felswänden, die den blick nach ein paar 100 m abfingen, vorbei an terrassenförmigen, kaum zugänglichen feldern bis an die große bananenplantage auf der nordseite. wir hielten alle 5 km, um winkende fahrgäste vom straßenrand aufzulesen, falls sie dem schaffner, der außen am bus festgeklemmt war, gefielen, wie die uniformen einer schulklasse, deren träger gerade groß genug waren, sich stehend zwischen unseren füßen zu verteilten.
porto antonio, ein 3000 seelen kaff, berühmt für seinen kleinen, sehr tiefen seehafen, in dem bananendampfer anlegen, um ihrer route, beladen mit allen möglichen früchten, die auf der insel gedeihen, über miami, mexico & wieder nach jamaica zu folgen, & für sein rooftop club, in dem irgendein berühmter americaner mit einer weniger berühmten jamaicanerin tanzte.
``hey man, réspect man, you lookin fo a good chiep hotel man. no problam man, réspect man, you from germanie, me have a frend in germanie, peta, he is german, a good gey, réspect, com wid me man, no problam, ya man, good vebreytions.`` mit meinem freund & dem jamaicanischen deutschkenner zog ich los, um an der spitze der doppelbucht guesthouses abzuklappern. ich hatte von vielen wilden geschichten über jamaica & seine touristenliebenden inselbewohner gehört, & selbst grandma, die nicht aussah, als ob sie auf die einfache art auszutricksen oder zu berauben wäre, hatte mich eindringlich vor den vielen, schlechten menschen gewarnt, die hier überall rumliefen.
ich suchte nach einer hütte, die wie grandmas kleines hotel einigermaßen sicher schien, mit verriegelbarem eisenschloß an der eingangstüre, wie es für ordentliche, jamaicanische häuser eine selbstverständlichkeit ist.
das 4te haus, ein älteres, weiträumig angelegtes steingebäude, direkt oberhalb des rooftop club in den steilen fels gebaut, war nur über eine winklige treppe zu erreichen. mein hilfsbereiter guide zierte sich nichtmal, meinen freund die 90 gemauerten stufen hinauf zu tragen & wartete brav draußen vor dem eisengitter, bis ich mit dem preis einverstanden war. er fragte nichtmal, wie sonst üblich bei bekanntschaften mit ausländischen gästen, nach einer kleinen, finanziellen unterstützung, was mich stutzig hätte machen können, & so gab ich ihm ein bier aus, in form kleiner papierzettel, die in jamaica klausbunter sind als anderswo auf der runden, sich drehenden erde.
von oben hatte ich einen weiten blick über beide strände der 2geteilten bucht, auf die kleine, vorgelagerte, palmenbewachsene insel, die angeblich das privateigentum von erol flin war, hatte den rücken freigehalten durch einen felshügel & war unüberwindbar getrennt von der blechhüttensiedlung am rand des hafens. ich setzte meinen freund aufs bett & packte die tasche mit den klamotten daneben. den stoffbeutel mit der decke aus der heimat & den anderen wichtigen dingen legte ich gut verschnürt dazu.
meinen freund führte ich sogleich ins offene nebenzimmer & spielte mit ihm macki messer & ein paar einfache fingerübungen, die er mir dankbarerweise nicht erschwerte. & der haifisch, der hat zähne, & die zähne, sieht man nicht. nach einem kleinen abendbrot aus zwiebeln, bananen & weichem toast legte ich mich zu einem schläfchen auf das bett direkt unter dem fenster. bevor ich am abend auf die straße runter stieg, zog ich meine wenig kostspielige, aber geliebte armbanduhr, eine kombination aus einer billigen, schwarzen plastikcasio mit einem silbernen metallband im stil der 70er, vom arm & verstaute sie im stoffbeutel, packte paß & geld in den bauch meines freundes & kletterte die stufen hinter dem eisentor runter in die stadt.
die sonne war schon untergegangen & die spärliche straßenbeleuchtung erhellte nur das gebiet vom club bis zur landspitze, an der sich die 2 buchten trafen. ich lief gegen westen, bis an die einfahrt zum hafen & gönnte mir einen pappkarton voll reis mit fisch & 2 leckere heineken, im sitzen am straßenrand vor einer kneipe. eine gruppe end20er neckte sich gegenseitig, um sich für die nacht zu verabreden. die mädels hatten halblange latzhosen & netzhemden an, & die jungs trugen frischgewaschene stoffhosen mit weißem hemd & drehten aufgeregt an den goldenen armbändern ihrer uhren. ich lief zurück bis ins zentrum zu den straßenverkäufern.
die ersten arbeiterinnen hatten sich bereits um den clubeingang versammelt & warteten darauf, jeden ausländischen gast, der die nötigen scheine vorwies, auf ein stündchen mitzunehmen. eine süße dicke warf mir ein auge zu. ich mußte wegen papiermangels & wegen meiner selbstgebastelten bedenken ablehnen. sie nahm mich am arm, ließ nicht locker, & wir tranken am bordstein 2 kühle goldstar zusammen, während sie mir behutsam ihren job erklärte. als ein kleinbus mit hellen europäern die staubige straße entlangkam, ließ ihr interesse an mir nach.
da mir die jamaicanischen essensmarken ausgegangen waren, blieb mir nix anderes übrig, als die 90 stufen zu meiner residenz hinaufzusteigen & die wächterin in ihrem abendmahl zu unterbrechen, um aus meinem zimmer ein paar scheine wieder mit nach unten zu nehmen. mein durst war zunäxt gestillt & mich lockte der duft des steingrasses, das in plastiktüten gepreßt an jeder ecke für ein paar essensmarken verkauft wird.
der handel ging schnell & umstandslos im näxten hinterhof über die bühne. wir rauchten den ersten stick gemeinsam weg, uns fremd werdend & mit ``réspect man`` auf distanz haltend. wir streckten jeder eine geballte faust in hüfthöhe nach vorne, wo sich beide kurz trafen & wieder einsam nach hinten zurückfuhren. für den bruchteil einer sekunde schaute ich in seine tiefschwarzen, weinenden augen, deren blutunterlaufene äpfel aus den höhlen drückten. das rötlich gelbe licht der straßenlaterne warf unsere schatten hart auf den schmutzigen asphalt. & der haifisch, der hat zähne.
wie im letzten augenblick des wachzustands vor einer betäubung für die große operation, indem der verstand, nicht mehr vollständig herr der lage, die außensignale festhält & wieder & wieder erzeugt, um wenigstens eine ahnung dessen zu bekommen, was um ihn passiert, bis er schließlich das letzte signal in einer endlosschleife wiederholt & sich dessen bewußt, müde & zermürbt aufgibt, lallte das lang eingestellte echo vieler reggaestimmen seine rhythmische wiederkehr in die trockenen straßen von porto antonio. die arbeitende bevölkerung hatte, um sich für den kommenden tag im hafen zu stärken,
in ihre blechhäuser zurückgezogen, wo sie im schwachen lichtschein fahler glühbirnen den abend & die nacht verbrachte. der nichtarbeitende teil der bevölkerung, der weder kinder hatte noch arbeit, oder zwar kinder aber keine arbeit, oder schlicht männlich war & sich vom rest der familie keine vorschriften machen ließ, oder weiblich war & von der sippe geächtet, trieb sich geldlos mit den reichen, ausländischen gästen durch die verschwitzte nacht, bis die gäste keine klausbunten essensmarken mehr rausrückten. doch die zähne, sieht man nicht.
ich kaufe zigarettenpapier der größe kingsize, die allemal für 6 sticks gut sind, auf vorrat, schon alleine weil die kleinsten scheine keine kleinere stückelung zulassen, & setze mich an den rand der kaum befahrenen straße auf den 30 cm hohen bordstein, wo ich mein letztes heineken für heute abend mit einem trockenen stick ausgleiche. die hohlblockgemauerte treppe zu meiner hütte über den lichtern der kleinen hafenstadt, deren eingang versteckt zwischen dem vegetarischen restaurant & einem drugstore hinauf in die steile felswand führt, dehnt sich zu einem kaum erzwingbaren aufstieg, bis ich das bewachte eisentor passiere & wenige schritte später vor dem weit geöffneten fenster meiner hütte stehe.
ich starre ins dunkle maul eines riesenfischs. wart mal. wart mal. ich hatte, so meine ich mich zu erinnern, mein fenster, als ich die letzte ladung papiergeld runter in die straße trug, geschlossen verlassen. jetzt kann ich von außen bis auf das ende des 2ten betts schauen. eilig, hastig, schnell schließe ich das schloß zur doppeltüre auf. ich hoffe, daß wenigstens der schwarze hausboy meiner zimmernachbarin, einer europäischen entwicklungshilfe-schnecke, etwas mit dem sperrangelweit offenen fenster zu schaffen hat & trete in den dunklen raum & bemerke das leere bett an der wand, auf das ich, meines halb wachen wissens nach, eine tasche mit meinen schecks & den klamotten sowie einen dunklen stoffbeutel mit samt meinen 7 sachen gelegt hatte, bevor ich mich auf der einzigen straße von porto antonio für den nachtschlaf zudröhnte. ich schaue unter das flache bett & in den wandschrank & kann keine tasche entdecken. halt mal. wo ist mein freund?
ich drehe mich um. an der wand zum anderen zimmer steht einsam ein koffer, zu schwer & zu behäbig, um sich einfach mir nix, dir nix aus dem staub zu machen.
ich verlasse das zimmer durch die flügeltüre & glotze blind vor unglauben durch das schwarze loch des geöffneten fensters, & ich kann mich des eindrucks nicht erwehren, als hätte einer vergessen, es zu schließen.
moment mal. war am ende ich der trottel, der nach porto antonio herunterstürzte, um sich bei sperrangelweit offenem fenster geistig zu betäuben & jedem dahergelaufenen deppen tür & tor offen zu lassen, so daß jeder, ohne mit irgendeiner schwierigkeit rechnen zu müssen, in mein zimmer einsteigen konnte, um mich dünnbrettbohrer meiner armseligen habe zu berauben? hatte ich endlos blöder idiot nur die quittung für den allzu heftigen legalen wie halblegalen drogenkonsum vorgelegt bekommen, der bis vor einer sekunde billig, ja geradezu geschenkt erschien? das gibt's doch nicht.
ich glotzte noch eine zeit lang auf das dunkle loch & klopfte anschließend an die holztüre meiner nachbarin, um ihren dürren, schlecht gelaunten stecher aus den federn zu holen.
``did you leave the window open? somebody opened my window.`` schlaftrunken schaute er mit einem halbgeöffneten auge auf den normalzustand meines zimmers, um dann mit einem weiten schritt in seine stube zu verschwinden, bevor auch nur der hauch einer verwicklung seiner person in die misere anderer leute zustande kam. lieber würde er die entwicklungshilfeschnepfe heiraten als meine rot unterlaufene hilflosigkeit zu ertragen.
ich blickte durch das offene fenster über mein schlafgemach, auf dem deutlich die schmutzabdrücke mir fremder schuhe zu sehen waren. so läuft der hase also. ich zwang mich widerwillig zu der erkenntnis, daß jemand in meiner abwesenheit, womöglich ein dieb, alle, oder fast alle meine liebgewonnenen habseligkeiten von meinen bett weg über das andere bett weg aus dem geöffneten fenster weg hinaus in den dunkelgrünen urwald der insel weggetragen hatte, für immer im schatten des dichten tropenwaldes verschwunden.
laß mich kurz nachdenken. waren die sachen noch da, als ich vor knapp einer stunde hier oben war? keine frage, sonst hätte ich die kohle nicht holen können. aber die war ja in den händen meines freundes, den ich augenblicklich in einer schwungvollen bewegung auf das bett feuere, um in seinem bauch das lederbeutelchen mit den wertsachen zu suchen. wo ist der mist. scheiße. ich greife in den stoffbezug vor dem balg in der innenseite des akkordeons & fische den lederbeutel raus mit paß, kohle, ticket & den aufzeichnungen, zähle kurz die wertsachen durch & sehe, oder besser glaube, daß nix fehlt.
mein geliebter schatz. mein gutes stück. mein retter in der not. du läßt mich nicht allein. du hältst zu mir. du bist zu schwerfällig, als daß dich schnell mal jemand mit der rechten oder der linken hand durch ein offenes fenster steigend mitnimmt, um danach über eine mauer zu springen oder sich durch dichten urwald zu schleichen mit dir an der hand. du stehst zu mir, wenn andere mir schlechtes wollen, mein guter freund, mein einziges stück, was ich besitze. ich fühle mich hintergangen.
mann, jemand hat es anscheinend geschafft. keiner sonst hat es gewagt. ich drängelte in cairo mit gepäck beladen durch volle stadtbusse, unausgeschlafen & unerfahren, ich lief durch kingston downtown bei strömendem regen, wo mir mein namensvetter michael eine geschichte über einen geliebten vogel in einwandfreiem reggae-rap sang. ich trödelte nachts um 3 besoffen durch nyc die houston entlang & niemand versuchte, mich anzunagen, außer einer fetten, dicken kanalratte, & ich trampte mit 700 gottverdammten, us-americanischen essensmarken in der hosentasche meiner shorts über die spätsozialistische caribicinsel, deren frühkapitalistische einwohner sich für die handvoll scheine mindestens ein halbes jahr lang ein sorgenfreies, knappes leben hätten leisten können, aber nie hat auch nur irgend jemand gewagt, mir meine billige habe vom leib zu nehmen, & ausgerechnet auf der geliebten insel, auf meiner echten lieblingsinsel, werde ich auf diese gottverdammt hinterlistige & spitzfindige art beklaut, daß mir nix bleibt, als mich in mein ungemütliches schicksal zu fügen & jeden, aber auch wirklich jeden versuch zu unterlassen, irgend jemanden dafür verantwortlich zu machen, als den blöden lauf der runden, sich drehenden erde, die gottverdammte, nicht lebendige, personifizierte geschichte, die selbst kein eigenleben aufweist, als daß einer sie zur rechenschaft ziehen könnte oder jemand aus ihr auch nur eine lehre zu ziehen imstande wäre. mein gott, so scheiße muß es kommen. das tape mit mainas stimme, weg, die samtdecke von zu hause, weg, die sprüche von justus & eric, weg, meine billige plastikuhr, weg, mein lieblingspulli, weg. verdammt, dafür hasse ich sie. & ich dachte mir noch beim raufsteigen, wer trägt das verdammte zeug die ellenlange treppe wieder runter. ich wohl offensichtlich nicht. das ist mal klar. diese sorge bin ich wenigstens los. & den kram auch, nachts um 1 in der festung des guesthouse, deren türwache bestimmt nix mitbekommen hatte.
``did you see anything, anybody leaving the place recently¿` ``no man, ya jost came in, me jost saw ya commin in.`` vielleicht sollte ich die bullen anrufen.
``is there a phone, I'd like to call the police, can you give me a phone.`` ``dere is no fone op heea, no fone man.`` o.k. ich werde den gottverdammten platz nicht verlassen, um auch noch meinen freund & meinen paß zu verlieren, dafür scheint die gegend doch zu unsicher, denn bevor ich die dreckigen 90 stufen runtergelaufen bin & mit einer handvoll verschlafener, noch schlimmer als ich bekiffter police officers gesprochen habe & sie dazu bewegen konnte, die gesamten 90 stufen bis zu mir hinaufzusteigen, ist mir die letzte & tatsächlich wichtige abteilung meines gepäcks auch noch für immer abhanden gekommen. mittlerweile ist die europäische frauenbeauftragte für jamaicanische mädchenzentren im nebenzimmer aufgewacht, drückt ihren müden hüpfer durch die holztüre & beginnt zu flöten.
``was ist denn passiert? hem, du? was war denn? hem? denis hat mich aufgeweckt, du würdest hier drogen nehmen¿` ich schildere kurz die gegebenheit.
``also sowas, du, & ich hab doch noch eben ein geräusch gehört, als wenn das fenster aufging, & dann ein poltern an meiner wand, du, & ich dachte, du ich dachte ehrlich, du, das wärst du, also wirklich, sowas, dabei stell dir vor, hem du, dabei ist einer freundin von mir vor 2 wochen, also wirklich du, dahinten im anderen zimmer genau dasselbe passiert, also wirklich. komisch, hem¿`
ihr tonfall muß sich nichtmal verändern. er ist von haus aus so aufgeregt, als hätte jemand sie zum kreuzen einer roten ampel gezwungen.
``also echt, du.`` die türbewacherin & ihr liebhaber, so wie die tageswache & ihre 3 kleinen kinder sind aus ihren jamaicanischen betten gekommen, um sich vor meinem zimmer aufgeregt durch den klaren, aber schwerwiegenden, andererseits auch wieder undurchsichtigen kriminalfall auf der veranda bei neonlicht hindurch zu diskutieren.
``o.k. I go to bed now. you know, if I'm at home I feel save, if I'm away I'm not shure``, sage ich in mein zimmer verschwindend, das mir nicht mehr ganz so sicher vorkommt, wie ich vor einer stunde noch vermutet hatte & entdecke die offene sperrverriegelung an den drehbaren seitenfenstern, durch die der weit aus wichtigere hebel des hauptfensters zu öffnen war. wer diese mechanik von außen gelöst hatte, wußte über das haus & seine gegebenheiten bescheid. egal. der näxte morgen wird mehr bringen, so breit gehe ich jedenfalls nicht zu den bullen, & schon gar nicht zu den jamaicanischen.
© m.k.
Michael Kloeckner Radio Radieschen 2002-01-22