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die botschaft

meine erste bekanntschaft mit cuba machte ich in mexico city. um an ein visum zu kommen, so dachte ich mir, sei es das geschickteste, gleich persönlich bei der botschaft vorstellig zu werden & mein anliegen vorzutragen. das gebäude liegt in einem villenviertel, gut mit dem bus oder dem taxi zu erreichen, & ich zog meinen hellgrauen sommer-sonnen-anzug marke kolonial-großgrundbesitzer an, um mich auf den weg zur auslandsvertretung einer der letzten kommunistischen, oder vielleicht eher realsozialistischen länder zu machen, der vertretung der perle der caribic, die ihrem staatsvolk, im ausland arbeitend & auf fremdstaalichem gebiet wohnend, gerne jene fürsorge angedeihen ließ, wie es alle staaten mit ihren landsleuten nach besten möglichkeiten versuchen. ich hatte den paß & ein wenig geld in der tasche, als ich vor dem realsozialistischen, 2stöckigen betonkasten aus einem der unzähligen, hellgrünen vw-käfer taxis stieg, war bester laune & genoß die oktobersonne von mexico city, dieser geordneten, gutfunktionierenden, indianischen menschenansammlung.

in einem kleinen wachhäuschen, von dem aus der weite innenhof mit dem stahlgitter zu übersehen war, erwartete mich ein schlecht gekleideter staatsbeamter unteren ranges. als seinerzeit peter von siemens in sein werk in hannover mit einem firmenwagen der firma siemens fuhr & ihn der pförtner fragte, wer er denn sei, antwortete unser siemenschef schlicht: ``peter von siemens.`` der pförtner ließ den mann passieren mit der bemerkung: ``wir sind hier alle von siemens.``

``den paß.`` ich hatte tatsächlich den paß dabei, war ich doch in der erwartung gekommen, nach verlassen des gebäudes ein echtes, abgestempeltes & gültiges visum in meinen papieren zu sehen. nachdem der wachbeamte eingangszeit & absicht meines besuchs in ein großes buch vermerkt hatte, händigte er mir ein numeriertes kärtchen aus.

am westende des hofs führte eine treppe in den ersten stock & von dort ein gang an der gesamten hofseite entlang bis in den hinteren trakt in den schalterraum. auf einem sofa saß gelangweilt eine schlanke, dunkelhaarige sonnenbrille & eine dralle blonde samt ihrem jüngling. mein vorsatz, einen rauchfreien tag einzulegen, ging freudig den bach runter. mit einer zigarette im mund fragte ich die jüngere in gestensprache nach feuer. die blonde fuhr unter anstrengenden hüftbewegungen mit ihrer hand in ihre jeanstaschen & zuckte dann mit den schultern, wobei ihre dunklen, buschigen augenbrauen lachend nach oben hüpften, so daß sich ihr voller mund langsam zu einem grinsen verzog & die augenlider in einer endlosen bewegung nach unten schwebten, wo sie gleichzeitig mit einem tiefen seufzer ankamen.

währenddessen hatte die dunkelhaarige ihre tasche an der seite ihres schwarzen, weit geschnittenen hosenanzugs erfolgreich durchsucht & bot mir feuer indem sie die sonnenbrille von den gleißend hellblauen augen nahm & mit tiefer stimme sagte: ``aqui eta¡` ihr langer daumennagel schlug flink den feuerstein an, der sich nicht lange bitten ließ & den zarten gasstrahl zu einer hellen flamme entzündete.

vor dem schalter gab es aus irgendwelchen, mir unerklärlichen gründen keine schlange, & ich wartete, um mein anliegen direkt hinter dem 3er grüppchen vortragen zu dürfen. die 2 frauen unterhielten sich in schnellem castillanisch, das nicht in alle einzelheiten aller zischlaute ausformuliert war. die gelassene haltung des schalterbeamten lenkte mich ab. ich nahm mit meinem zerbrechlichen spanisch den leeren tresen vor der panzerglasscheibe in angriff & zeigte meinen leeren paß vor.

``hier gibt's kein visum.`` ``wie bitte¿` ``aus welchen gründen wollen sie die insel bereisen¿` ``die insel? ja, ich bin tourist.`` ``sie bekommen die einreisepapiere beim reisebüro coubatours.`` ``wo bitte¿` ``bei coubatours oder bei aviación cubana.``

ich zog meinen unbehandelten paß an mich & drehte mich verwirrt den 2 frauen zu.

``warten sie auf ein cubanisches visum¿` fragte ich in den raum. die dunkelhaarige erhob sich, kniff die hellblauen augen bis auf katzenpupillen zusammen & sagte deutlich & in katziger stimme:

``me llamo norka. soy cubana.`` sie stellte mir ihre kleine schwester alexandra vor & deren exilcubanischen freund, der, wie sich später herausstellte, als sohn eines hohen, im drogenhandel verwickelten, cubanischen militärs seine geliebte insel nur noch nach sondererlaubnis & mit höchster genehmigung vom langen bart besuchen durfte, eine harte strafe für ein hartes vergehen.

``wie ist cuba¿` fragte ich die 3 & zielte dabei auf das wetter, die musik & die leute.

``beschissen, cuba ist ziemlich beschissen``, antwortete der generalssohn.

``vamos, vamos¡` norka schnappte sich ihre schwester, mich & den militärssprößling & trieb uns den langen gang entlang, die treppe hinunter, am pförtner vorbei auf die mexicanische straße.

``bist du wahnsinnig¿` sie wies den jüngling wegen seines offenen, politischen bekenntnisses, oder was sie dafür hielt, zurecht.

am selben abend spielte im mama rumba eine cubanische band. norka lud mich & ihre schwester ein, nachdem sie mir ihre afrikanische sammlung außerirdischer gezeigt hatte, die in stoffbedeckten, leeren tonkrügen in ihrer wohnung in der hamburgo auf kleine gaben warteten, um diese mit aller kraft, die den außerirdischen zur verfügung steht, zu vergelten. wir verabredeten uns zu dritt in der bar für mexicanische cubaner.

im mama rumba treffen sich exilcubaner & solche, die es werden wollen. sie erwecken afrikanische götzen & cubanische rhythmen zu süßem leben. ich kam eine 3/4tel stunde zu spät & war noch eine 4tel stunde vor norka & ihrer schwester da. 3 stramme, weiße mädels & ein sportlicher, schwarzer jüngling mit einem zartbitteren lächeln hatten verschiedene trommelwerkzeuge aufgebaut. während ich meinen ersten caipirinha bestellte, von dem ich monate später in seinem heimatland reichlich bekam, begann die show, eine tiefe baßtrommel auf der und, eine andere zwischen der und & der 1 entlang tanzend, als ob es weder die 1 noch die und gäbe. helle, kurz geschlagene claves & der sandgefüllte aluminiumshaker des lächelnden, schlanken, jungen mannes, legten den teppich für eine 2stimmige beschwörung. das gesamte lokal skandierte den refrain.

norka, deren schwester in la habana folkloretanz lehrte & die für unbestimmte zeit auf dem americanischen festland war, hob im 2ten vortrag ihre schmalen schultern bis in den stand & zog ihre jüngere schwester in den engen gang zwischen zuschauer & band. sie tanzten in kurzen hüftschwüngen & weit ausladenden armbewegungen. die tischgesellschaften spendeten nach dem song anhaltend beifall. ich versuchte im caipirinha-nebel meine ersten cubanischen tanzschritte & gab nichtmal locker, als ich längst außerstande war, den taktanfang annähernd zu erkennen. nach 3 weiteren drinks verabredeten wir uns für den näxten tag in norkas wohnung in der hamburgo.

sie zeigte mir ihr familienalbum. tatsächlich war ihr vater der berühmte che guevara fotograf, der das in aller welt geliebte schwarzweißbild schoß, das als siebdruck oder als handgemaltes t-shirt jedes ordentliche jugendzimmer in den 70er jahren schmückte. & tatsächlich kannte ich ihren vater bereits von einer ausstellung in morelia, wohin er mitsamt seinen berühmten fotos gereist war & wo ich seinen silbergrauen bart über dem ausgewaschenen jeansanzug & seine tiefe stimme, die er vor 30 jahren an norka vererbt hatte, bewundern durfte. & tatsächlich sollte ich ihre mutter, die mittlerweile mit einem theaterregisseur in miramar la habana lebte & während meiner inselüberquerung meinen freund im koffer & das übrige gepäck beherbergte, so daß ich gelassen bis nach santiago de cuba durch den domino-verkehr trampen konnte, 8000 km weiter südlich in buenos aires wiedertreffen, als ich gut gelaunt mit meinem manuskript auf den knien vor dem eingang des richmonds in der überfüllten florida nachmittags um 4 über die gut ausschauenden porteños ablästerte. die welt ist klein.


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© m.k.

Michael Kloeckner Radio Radieschen 2002-01-22