im centro social bailable de la armada bekam ich meine erste lektion. patricia hatte mir zwar die adresse & die uhrzeit verraten, war aber zur verabredeten stunde nicht in ihrer wohnung anzutreffen. es begann ein frühabendlicher sommerregen vom argentinischen himmel auf die trockene hauptstadt zu fallen & ich erinnerte mich an patricias hinweis, daß bei regen kein taxi zu bekommen wäre, & startete, nachdem ich sie vergeblich aus ihrer wohnung zu klingeln versucht hatte, ohne frauenbegleitung zu meiner allerersten tanzstunde. vor dem armeeclubheim zeigte ein roter teppich eine treppe hinauf am weihnachtsschmuck vorbei in den ersten stock.
der hell erleuchtete saal war mit großen, weißen fliesen ausgelegt. kleine tische & unbequeme holzstühle begrenzten in sauber geordneten reihen eine freie fläche. an einigen tischen saßen ältere damen, die ihre dürftige vergangenheit bereuten. mitten auf den fliesen bewegte sich ein einzelnes tanzpaar in eleganten, gleitenden schritten zum fließenden tango aus dem kassettenrecorder. ein dickwanztiger mitt50er, braun gebrannt & mit gipsbein, wies mir einen platz an seinem tisch zu, küßte mich auf beide wangen, gab sich erfreut, daß ein angeblich so junger kerl wie ich interesse an einem so alten spiel wie dem seinen zeigte & stellte mich 3 tanzlehrern vor. ob ich alleine gekommen sei, wo ich her sei, wo meine freundin sei, wie ich buenos aires fände. alles klasse, gefällt mir, sagte ich in spärlichem castillanisch.
das einsame paar in der mitte der tuschelnden gemeinde, das bis vor einer sekunde keine menschliche regung bemerken ließ, kam zu uns rüber & brach in portensische herzlichkeit aus. beide begrüßten mich mit den aufgesetzten, rituellen küssen einer körperfeindlichen gesellschaft. ich liebe kußorgien. der männliche teil des paares hatte einen dunkelblauen 2reiher marke schiffseigner an & trug das haar, wie die augen, schwarzgrau bis zur schulter herabhängend in einem schmalen, langgezogenen adlergesicht, dessen linien allesamt abwärts verliefen. mit einem jugendlichen lächeln aus einem roten chiffonkleid lud seine partnerin meine unerfahrenen beine zur ersten, 4schrittigen tangofigur ein.
``du mußt hier gut festhalten¡` sie griff, die blonde betonlocke immer seitlich an mir vorbei drehend, nach meiner hand & zog sie eng an ihren tief ausgestellten rückenausschnitt. den 2ten tanz übte ich mit ihm, der mich dabei keines blickes würdigte & dennoch so tat, als ob ich jahre lang erfahrung gesammelt hätte in einer komplizierten, gesellschaftlichen form, wie sie nur ein eingeweihter höfling, von geburt an mit adel ausgestattet & von kind an zur steifheit erzogen, zustande bringt. er war etwas größer als ich & wehte in seinem dunkelblauen anzug wie ein gespanntes segel durch den saal.
meinen 3. tanz durfte ich mit dem ältesten aller tanzlehrer probieren, einem luis trenker typ, tierlieb & sonnengebrannt, mit den braunen flecken nicht mehr alternder haut & einer leichtigkeit im lächeln, wie sie durch jahrhunderte lange übung entsteht. er legte seinen weichen, runden kopf zur seite, packte meine beiden hände, legte sie auf seine schultern & wir übten wie die 5jährigen uns gegenüberstehend die schwierige schrittfolge.
patricia hatte schließlich den weg ins clubheim gefunden & vorderte mich auf. ihre waden flogen wie die flossen eines fischs zur seite. ein ganz in weiß gekleideter mitt30er, glatt rasiert mit messerscharfem blick, dessen engellockige partnerin jeden seiner hölzernen schritte mit steifem, mißbilligendem ausdruck in den jungen augen begleitete, hatte meine anfängerhafte, holprige art entdeckt & war gewillt, mir den schliff des echten tangueros beizubringen. er nahm sich einen stuhl, stellte auch mir eine lehne vor die hüfte & zeigte mit eng anliegenden knien & zusammengekniffenen, kantigen backen, wie sich ein wirklich erfahrener schieber bewegt. ich erinnerte mich einer tai chi chuan-form aus dem fernsehen, bei der ein bein langsam nach vorne gesetzt wird, wobei die hüfte richtung & geschwindigkeit bestimmt & die knie dem gegner keine möglichkeit geben, in die weichteile einzudringen. ich schob mein becken um den stuhl, dessen lehne ich dabei als stütze krampfhaft umklammerte. das war die 8 nach vorne, & das war die 8 nach hinten.
patricia war keine ausgezeichnete tänzerin & sie benahm sich auch nicht so. wir lachten laut über meine ungelenke art, in der ich regelmäßig einen der schritte einfach vergaß & ohne mit der wimper zu zucken in die folgende figur überleitete, so daß ich mit ihrem weichen, wuchtigen körper unwillkürlich zusammenstieß. ihr tanzstil entsprach eher einem schwimmwettbewerb als einer melonga.
der junge, drahtige lehrer lud patricia & mich am selben abend zu einer veranstaltung in der chacabuco im centro parakultural ein, & wir fuhren zu 4t zusammen mit patricias freundin leonora im taxi nach san telmo. in einem ehemaligen theater kann sich jeder, oder fast jeder, für 5 pesos eine doppelstunde tangounterricht abholen & anschließend im 6 m hohen saal, dessen längsseite mit alten, roten brokatvorhängen aus dem fundus des colonol theaters ausgehängt ist, auf dem staubigen holzboden in schummrigem licht beweisen, wie weit die schiebekunst geht.
durch eine enge tür führen 3 abgewetzte stufen von der chacabuco in einen kleinen, kaum beleuchteten vorraum, an dessen linker seite sich die bar befindet. nach 3 weiteren schritten stehe ich im eingang des 30 m langen schlauchs. der brokatwand gegenüber laden kleine tische & stühle verschiedener stilrichtungen zum studium der paare ein. der dj über dem vorraum hat eine alte oswaldo pugliese kassette eingelegt, & 25 paare führen ihr können vor.
eine langbeinige 20jährige in einem weißen bolerojäckchen aus strick, das den braun gebrannten bauch zeigt, & einem vom knöchel bis zum po seitlich geschlitzten, hellbeigen leinenrock drückt ihre stirn fest an die brust ihres partners, die linke hand auf seine schultern gelegt. er ist etwas größer als sie & etwas älter, mit schnauzer & kurzem haar, trägt die jeanskluft des ewig jung gebliebenen boyfriend & schiebt sie in ruckartigen bewegungen durch den saal. weiter hinten hält ein tanzpaar sekunden lang inne, festgefroren in einer liebesposition, bei der sich die beine gegenseitig im schritt stehen, der frauenkörper für immer im starken männerarm gefangen. nach einer weile lösen die 2 sich aus ihrer starre, indem der mann in einer drehbewegung der waden mit einer ferse sachte an ihren unterschenkel tritt, & beide springen wie von einem elektrischen schlag getroffen auf & davon in großen schritten durch den saal.
um einen guten tango zu tanzen, genügt es nicht, unzählige lektionen zu nehmen & regelmäßig die schritte mit demselben partner zu üben. wer den tango lebt, mit der leidvollen stimmung & den ausladenden schritten, mit den gewagten tritten in den schritt des partners & dem steifen, aufrechten rückgrad, das wie eine drehende säule das zentrum für die schwünge bildet, nimmt nach jahrelangem studium im kreis der lernwilligen seinen mut zusammen & seinen stolz, um an unzähligen abenden auf unbekannte menschen zuzugehen & bei jedem tanz den einen oder anderen kniff zu erlernen & später als lehrer diese oder jene einzelheit einer schon lange bekannten schrittfolge genauer & meisterlicher zu üben, bis schließlich die weichheit, der stolz, die trauer, die unnahbarkeit & das einfühlungsvermögen, bis die handhaltung, die gewichtsverlagerung, die einteilung des raums & der zeit zusammen einen tanz für 2 menschen bilden, die sich wie an einem seidenen faden geführt & scheinbar ohne jede absprache einem einzigen wesen gleich durch die musik bewegen.
nicht die schönsten & reichsten, sondern die besten & einfühlsamsten melongueros sind auf dem parkett die beliebtesten. sie vollendeten ihr können in unzähligen tangos, um nach vielen rückschlägen & stunden des fleißigen übens die wachsamkeit & gewandtheit zu entwickeln, die es benötigt, zu einer einheit aus 2 menschen zu verschmelzen.
ich bestelle an der bar eine flasche herben, argentinischen weißwein & schenke uns ein. der gut gekühlte santa anne aus mendoza lockert mein staunen ein wenig auf & ich wage mit patricia einen tango. beide lachen wir laut, als wir uns auf die zählweise der schrittfolge nicht einigen können & wie betrunkene aneinander stoßen. patricia bietet meinem rechtwinklig abgespreizten arm, in den sie ihre schulter legen sollte, keinen widerhalt, & wir entwickeln nicht die hauchdünne tuchfühlung, die den tangeros ermöglicht, ineinander zu versinken.
leonora, etwas erfahrener auf dem parkett, schaut mich ernst an, als ich sie auffordere. sie drückt ihre rechte hand gegen meine linke & lehnt ihren oberkörper in meine armbeuge. wir wiegen 3 takte zusammen, & ich lege mit der bekannten schrittfolge los, damit beschäftigt, keinen der 8 schritte auszulassen. leonora, die am näxten tag früh zur arbeit muß, verläßt uns beide, & patricia zieht es mit mir zusammen ins pippo, wo wir uns um 2 uhr morgens zwischen portensischen nachtschwärmern mit nudeln vollstopfen. am nebentisch des neonerleuchteten, hellblau gestrichenen raumes hat ein dürrer vollbart ein unterarmgroßes stück rindfleisch auf dem teller, um es in aller ruhe mit dem messer in kleine, mundgerechte stücke zu schneiden & aufzuessen. ein taxi bringt mich über die callao & die quintana bis in die recoleta, an den kleinen friedhof gegenüber der caffees la biela & de la paix. mein bruder hat im 8ten stock der ortiz eine großräumige wohnung angemietet.
© m.k.
Michael Kloeckner Radio Radieschen 2002-01-22