mein geliebter bruder, mein herzblatt, mein lieblingsbruder, mein lebensgefährte seit klein auf, mein anderes ich, verschieden & ähnlich zugleich, dessen lebensweg sich seit dem 13ten jahr von mir entfernte, mein herzblut & blutsbruder, mit dem ich den dunklen, engen leib der mutter teilte, als unser beider bewußtsein noch nicht in der lage war, die welt zu scheiden nach innen & außen, als wir noch im entwicklungsstadium ohne gliedmaßen waren & unsere körper, im wachstum für ein 3/4tel jahr ineinandergeschlungen, im traumlosen tanz des ungeborenen miteinander spielten, unschuldig & abseits allen wissens, fern jeder absicht, alleine den gesetzen der entwicklung der runden, sich drehenden erde folgend & der taktvorgabe unserer mutter, die im 4ten monat mit uns beiden die abfahrt vom längflue auf den spielboden bis nach saas fee bei schönster ostersonne im jahr 1961 fuhr.
meinen einzigen & immerwährenden bruder, leise & still, ohne aufsehen zu erregen seinen eigenen weg verfolgend, als junge der schönere & lieblichere von uns beiden, das von mir beschützte & versorgte, mein anderes & 2tes ich, das ich bisweilen bis zum schreien schlug & bis zum tod liebte & den ich schon lange vergessen hatte, weit von mir gewiesen, sah ich seit anderthalb jahren das erste mal in buenos aires wieder, wohin ihn seine arbeit für die propagandamaschine des westlichen demokratiezirkus verschlug, von berlin direkt nach dem studium der politikwissenschaften, mit dem doktor abgeschlossen, ins latainamericanische ausland mit guter bezahlung & fester stelle als assistent in propagandafragen.
vom langen balkon vor dem wohnzimmer & dem schlafzimmer, deren türen ständig aufgesperrt bleiben, so daß ein immerwährender durchzug die warme, argentinische sommerluft durch die räume treibt, geht der blick über die costanera bis weit ins tigre delta hinein über das schmutzigbraune wasser des rio de la plata hinweg, dessen 220 km breite fluten die jodhaltige erde der zuflüsse aus dem nordosten an buenos aires und montevideo vorbei bis in den atlantik tragen. unten auf der ortiz sitzen gutgekleidete porteños bei einer tasse caffee oder einem glas schampus auf den weißen plastikstühlen des caffee de la paix oder an einem der 50 tische des biela, damit beschäftigt, eine unglaublich wichtige & kaum zu schildernde geschichte ihren tischnachbarn ausführlich zu beschreiben oder gelangweilt in ein funktelefon zu sprechen, eine hand in der hosentasche, den flachen plastikapparat mit der anderen an die ohrmuschel gepreßt. dunkelblau ist die bevorzugte farbe für ordentliche sakkos, die von geschäftig dreinblickenden herren mittleren alters ohne jeden humor vorgeführt werden, während die damen ein signalrot oder ein großflächiges, klausbuntes blumenmuster auf dunklem grund bevorzugen, weit ausgeschnitten, bis zum boden fallend, nach oben geschlitzt & echt raffiniert gearbeitet. was jünger als 35 jahre ist steckt seinen körper in hautenge jeans, die keinen zweifel über die formungen der hüfte aufkommen lassen & jede pofalte & jeden beckenbogen genauestens abzeichnen.
auf dem kleinen platz vor dem friedhof zeigen kleinkünstler ihre fertigkeiten. eine marionetten-band zappelt wie eine mettalerkombo zum gettoblaster-sound. ganz in weiß gekleidete, lebende statuen verharren für mehrere stunden in einer starren pose, um die zuschauer zu mutigen sprüchen & dem ablegen kleiner papierscheine zu bewegen.
gegen 11 uhr abends kommt regelmäßig ein zerlumpter 20jähriger auf den platz, um in hicky-sack-manier eine verbeulte coladose über das pflaster zu kicken, deren aufprallgeräusch von der 12stöckigen häuserwand zurückgeworfen & vom platz verstärkt wieder nach oben geschickt wird. in den jahren seines täglichen übens hat der junge mann eine selbstquälerische fertigkeit erlangt, die ihresgleichen sucht. die leere weißblechdose, die er geschickt mit der ferse des einen & den zehen des anderen fußes von hinter seinem rücken über die schulter hervorkickt, landet auf seinem knie oder einem seiner flinken füße, von wo aus sie mit geduldiger ausdauer wieder in die luft hüpft, bis sie nach 5 oder spätestens 7 kurzen flügen auf dem pflaster des platzes landet & ihr beruhigendes klacken über die recoleta schickt.
den flugwinkel & die geschwindigkeit des spielzeuges könnte ich mit einigem aufwand berechnen, vielleicht sogar den punkt des mettallbehälters, der den körper des spielers berühren wird. danach aber beginnt die ordnung des chaotischen systems, eine vorhersage über den abprallwinkel des gekickten, zerbeulten flugkörpers, der keine glatte, gleichmäßigee oberfläche aufweist, sondern wie die zerklüftete fläche eines gletschers durch den druck vielfach gefaltet ist, zu erschweren, so daß jede noch so kleine änderung die folgende flugbahn bis in ihr gegenteil ablenkt. der junge mann nimmt seine aufgabe ernst & übt anderthalb stunden vor den gutgekleideten, auf dollars getrimmten porteños ein spiel, dessen aussichtslosigkeit nur davon übertroffen wird, schneeflocken zu sortieren. seine fähigkeit, die dose in der luft zu halten, fesselt mich für minuten auf dem balkon, wo ich im 8ten stock dem ungleichmäßigen klacken des metalls auf der straße lausche.
am näxten abend führt mich mein bruder in die santa fee, einer breiten einkaufsstraße mit kinos & restaurants, bekannt dafür, ein treff der männerliebenden männer zu sein. überall flimmern bunte neonreklamen. die gehsteige sind voll & laut dröhnt der verkehr. wir nehmen uns einen tisch vor dem olmo. der starke straßenlärm nachts um 1 uhr hindert uns nicht daran, eine lange, eindringliche unterhaltung zu führen über die gemeinsame mutter & ihr einsames, sowieso zu kurzes leben ohne unseren vater, mit dem sie sich kurz nach unserer geburt verworfen hatte.
er war in bari geboren & hatte sie 1960 bei einem urlaub am lago maggiore in norditalien kennengelernt, an einem lauen septemberabend auf der terrasse eines kleinen hotels direkt am see. beide hatten die mitte ihres 3. jahrzehnts überschritten & beiden glühte die liebeshungrigkeit aus den dunklen augen, als unsere zukünftige mutter mit ihrer freundin an einem kleinen tisch platz nahm, um einen wein zu trinken. unser zukünftiger & vergangener vater, dessen augen immerfeucht waren vor rührung, lud die beiden frauen auf einen weiteren wein ein & einen schwatz über das wetter & die schöne lage des hotels direkt am dunklen wasser des kühlen bergsees. als sich unsere mutter am letzten abend desselben jahres mit dem in mailand lebenden kaufmann erneut traf, blieb es nicht beim knallen der sektkorken.
das olmo ist voll junger männer, die eng zusammen an tischen sitzen & sich eindringlich unterhalten. an der ecke zur santa fee steht eine gruppe junger huschen, eine davon mit langem, weinroten pullover, die lockigen haare aufgeregt mit beiden händen hinter dem nacken aus dem gesicht streichend. am nebentisch sitzt ein pärchen älterer schwestern, in frieden mit sich & der runden, sich drehenden erde. der innenraum ist mit dicken bärten, kurzen schnauzern, glatt rasierten, kantigen kinnknochen, mit halbglatzen & langen haaren vollgestopft. wir trinken eine flasche gekühlten weißwein, als 2 freunde meines bruders antanzen, eine junge, zarte husche & ein langer, dünner bart mit stechend hellblauen augen. in einer kleinen, feuchten kußorgie machen wir uns gegenseitig bekannt, & der bart singt sofort einen tango mit der zitternden stimme wahrer leidenschaft. er hebt sich zu seinem 2ten vortrag in den stand, & die nachbartische stimmen traurig ein in die geschichte von der gefallenen jugend, bis ein vielstimmig weinender männerchor mit einem lang gedehnten, schaurigen schlußakkord die show beendet. es hagelt applaus. ich habe unwillkürlich eine hand an die festen hüften des sängers gelegt, & er zieht die brauen hoch bis in den himmel, wo seine hellblauen augen für einen moment lang von einer honigsüßen liebe träumen. der rote pullover an der ecke grinst an unseren tisch. seine kräftige flamme im ärmellosen t-shirt weist ihn sofort zurecht. nach einer 2ten flasche brechen wir beide auf, um nach hause in die recoleta zu laufen.
mädels & huschen spüren eine anziehung eher als machoharte männer, denn sie achten auf das, was menschen in sehnsüchtigen blicken & kleinen, nicht gesagten dialogen, im kurzen zögern eines augenblicks oder im hell lodernden feuer einer ausladenden geste als gefühl zum ausdruck bringen. der tango lauert überall, in jedem blick & in jedem schritt, oder fast überall.
© m.k.
Michael Kloeckner Radio Radieschen 2002-01-22