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sommer & winter

ich war gerade von der caribic gekommen, den antillen. die départements guadeloupe & martinique, offiziell französisches staatsgebiet, leiden darunter, französisch zu sein. die inselbewohner mögen ihre weißen, vaterländischen volksgenossen nicht. sie wetteifern untereinander, die besseren franzosen zu sein. frage ich nach der uhrzeit, bekomme ich als antwort eine zeitangabe, die selbst im mutterland als pedantisch gilt: ``7 uhr 1.`` wen interessiert die einzelne minute.

überall auf der runden, sich drehenden erde sind die menschen auf zeitgenauigkeit geeicht, dazu übergegangen, eine fast volle stunde mit kurz-vor zu umschreiben oder sie, in einer geste großzügiger ungenauigkeit, aufzurunden, wie es ihnen paßt. eine ausnahme bilden die börsen, die ihre wetteinsätze von der uhr abhängig machen & deshalb minutenweise & sekundenweise & 10telsekundenweise ihre durchschnittswerte über die erdweit verknüpften informationsnetze schicken. sie rechnen den mittelwert des preises einer nicht vorhandenen ware in siegreiche gewinne oder grauenhafte verluste um. solche hart arbeitenden menschen, falls geldzählen als arbeit durchgeht, spielen auf dem papier mit dem tatsächlichen reichtum der runden, sich drehenden erde, um ihn in einem unglücklichen augenblick zu verwetten oder ihn rein papiermäßig im selben augenblick zu verdoppeln. die einen so, die andern so.

von dieser arbeit wird keine einzige orange zu saft gepreßt oder auch nur geerntet oder gar gepflanzt, & solange der schein der scheine mehr zählt als der tatsächlich vorhandene reichtum der tatsächlich arbeitenden bevölkerung, & sich alle welt der kleinen, erlesenen wettgemeinschaft beugt, solange wird diese clique, mit den nötigen papieren ausgestattet, über die köpfe der massenhaften armut in saus & braus leben, ohne auch nur einen einzigen der beiden kleinen finger gerührt zu haben, es sei denn, um ein funktelefon zu bedienen, oder ein fläschchen, mit den beruhigenden herztropfen gefüllt, von seinem schraubverschluß zu befreien & sich eine dosis ich-hab-es-ja-gewußt-chemie zu genehmigen, die in allen oder fast allen & sicherlich in allen guten, hauseigenen apotheken rezeptfrei zu haben ist.

``es ist 2 minuten vor 2.`` im äußersten osten der promenade von fort-de-france, vor einem winzigen sandstreifen unter hohen palmen am fuß der alten, schwarzen festungsmauern des fort st. louis, haben sich ein paar mannschaften zum jährlichen bootsrennen mit den langen, schmalen, hölzernen conniers versammelt, um eine strecke von 5 seemeilen um die wette zu segeln. weit draußen sind sie als kleine, helle punkte im gleißenden licht der mittagssonne zu sehen. im schatten der großen palmen parkt ein peugeot kastenwagen, die ladeklappen geöffnet, & versorgt uns mit pommes frites & langen, gut belegten baguettes.

vor mir steht auf dem sand unter einem breiten sonnenschirm eine wettgemeinschaft im schatten um einen klapptisch. ein alter, schwarzer mann hat einen klausbunten kasten in 6 bahnen geteilt, mit 4 abschnitten als rennstrecke für faustgroße metallautos. die augen von 3 würfeln stehen für die nummern von 3 rennbahnen. mit fahrigen fingern, grau wie auspuffqualm, rückt die flinke hand des alten die autos einen abschnitt vor, bis schließlich eins das ziel erreicht. nach 4 oder 5 würfen, spätestens nach 7 runden, ist das rennen beendet & der sieger erhält 25 ff.

``was? schon 1 nach 2? ich muß weg ...`` eine bahn wird frei. 5franc-stücke sammeln sich vor den fahrstreifen. ich steige ein. als 6 münzen zusammen sind, schnappt sich der alte seinen anteil & läßt ihn in einer tasche vor seinem bauch verschwinden. mit 3 würfeln geben wir gas. ich wähle eine klapprige, rote ente auf der 5ten bahn & ziehe gleich im ersten wurf mit einem 5er pasch davon. neben mir steht ein unscheinbarer weißer im sonntagsstaat. er hat auf die 4te bahn, einen grünen vw käfer, gesetzt. der schwarze wiederholt die zahlen & schiebt die autos 1 vor.

``die 4, die 2 & die 6, voilà ... die 2 die 5 & die 3, voilà ...`` der näxte wurf ist ein 4er pasch mit einer 1.

``die 4, die 1 & nochmal die 4.`` verdammt, wo bleibt die 5. ``die 5, die 4 & die 1, bitte sehr.`` ich brauch noch eine 5 & dann bin ich durch.

``die 3, die 6 & die 4. `` er setzt den grünen käfer über den zielstreifen. ``die 4 gewinnt, bitte sehr.`` der unscheinbare typ sackt die 25 ff ein. 3mal hintereinander gewinnt er, & 3mal gewinnen die außenbahnen 1 & 6, beide von einer alten frau gewettet. ich bekomme ein zusatzlos nach den verlorenen rennen & setze auf die 3, ein grauer, alter mercedes. diesmal gewinnt die rote ente, ich gebe ernüchtert auf. pech im spiel, kein geld für die liebe.

der sonntagmittag neigt sich langsam dem abend zu, als ich die n1 auf die andere seite der insel trampe, wo heute bo hendrikson & die westindian jazz band spielen. im dezember organisieren die städtchen fort-de-france & ste anne ein jazzfestival. dieses jahr haben sie cubaner, nordamericaner, bands aus st. lucia & ein paar franzosen eingeladen. das 3. auto, ein grauer r5 hält an. ich steige zu einer kräftigen, schwarzen, jungen dame in den beifahrersitz. wir brettern in höllentempo los & beginnen eine ausgiebige unterhaltung über die schriftstellerei & die probleme, ein fertiges buch bei einem verlag unterzubringen. rita durville aus le lamentin schreit ihre markanten sätze aus einem dicklippigen mund in den heißen fahrtwind. sie nennt ihr werk eine reflektion. ihr buch handelt vom erwachsenwerden einer durchschnittsschwarzen auf den französischen antillen, von der ersten liebe, die voller hoffnung beginnt & voller enttäuschung eine tiefe wunde ins herz der heldin reißt, vom beginn einer langen erkenntnis, die all die anerzogenen ungereimtheiten einer männerbeherrschten, kapitalistischen gesellschaft hinterfragt & vom weg einer bewußt lebenden frau, die als französin, afrikanerin, frauenrechtlerin & hausfrau ihr eigenes, sowieso zu kurzes leben genießt. vor begeisterung bringt sie mich bis nach ste anne.

das kleine dorf, an einer süßen bucht gelegen, in dessen hafen winzige, weißgestrichene segler ankern, hat sich für das jazzfest geschmückt. auf dem platz vor der kirche ist eine bühne aufgebaut. ich schaue mir die stände der kunsthandwerker an, handgemachte musikinstrumente, gogos, trommeln, rasseln. ein caribisches schlagholz aus bambus, um den bauch gebunden, gibt in hellen, kurzen calypsoschlägen den takt an, obendrüber 2 xylophone & eine marimba mit pergamentzungen an den kalebassen. auf schweren, fellbespannten holzkörpern sitzen 4 trommler & legen den baßteppich für eine kleine session. ich greife einen shaker & halte mit. den ellenbogen gerade vor meinem körper, das handgelenk auf & ab wippend versuche ich, den weißen schlag zu vermeiden. weiter hinten verkauft eine süße, kurzhaarige perle in einem orangen, hautengen overall gebatikte klamotten an die zahlenden touristen. wir lachen uns an, & ich muß an nina denken, die jetzt im verschneiten boulder ihr bienenwachs in der kleinen, lichtlosen küche im souterrain des grand view über chinesische baumwollhemden gießt, um sie nach ein paar färbungen & einer guten, chemischen reinigung auf der mall zu verkaufen.

als ich das 2te mal in ihre küche komme, fühle ich mich zu hause & geborgen, lege mein sakko über den stuhl & stelle die schuhe neben das große bett. ich habe ihr auf der wanderung durch den park zum red arc einen blumenstrauß gepflückt, überwiegend silbrig trockene, kleine, feste stiele mit ein paar ockergrün schimmernden blättern, einem reisig thymian & 2 winzigen, blau blühenden halmgewächsen. das gebinde freut sie sichtlich & erhält einen platz neben den anderen getrockneten sträuchern auf einer leine über dem herd. nina holt aus dem kühlschrank einen frischen salat mit viel knoblauch, den wir zusammen mit einem kräutertee & einer soyamilch verzehren.

sie hat, für americanische verhältnisse ungewöhnlich, ein bißchen guten, schwarzen afghanen im haus, & ich baue eine winzig kleine tüte, gerade groß genug, um den herrlich waldigen geschmack des harzes zu spüren. sie selbst raucht lieber pur & nimmt ein kleines holzbrett mit einer nadel, auf der die ecke unter einem glas glüht. ich bin an der reihe. ich kann vor lauter gier den hals nicht vollkriegen, so daß ich prustend husten muß, & wir beide über meine ungeduld lachen. das kleine schlafzimmer ist heute merklich aufgeräumt, der teppich rings ums bett an manchen stellen zu erkennen & die vielen stoffreste ordentlich an einer wand neben die kassetten gestapelt. wir legen eine alte jony mitchell aufnahme ein & wechseln nach dem 2ten stück zu stievie wonder. nina hält sich dicht neben mir, & ich kann ihren festen körper & seine ausstrahlende wärme spüren. ihre großen augen schauen mich fragend an. sie hat die frisch gewaschenen, langen mahagonihaare mit einem bleistift am hinterkopf zu einem knoten gesteckt, der sich jetzt zufällig löst, als sie mich mit ihren starken armen auf das himmelblaue bett zieht.

schnell sind wir beide richtig beschäftigt mit küssen & mein pferdchen stellt sich bereitwillig auf die hinterbeine & wiehert leise. nina stemmt, über mir liegend, ihre schweren hüften gegen den sperrangelweit offenen stall, & wir halten uns fest, wie ängstliche kinder im sturm. als ich ihr gewicht auf mir spüre & ihren atem in mir, als wir beide kaum noch zögern, fragt sie mich, ob ich einen präser habe.

``not right now, later.`` antworte ich. ``no, I woun't without.`` ``yes o.k., but later.`` ``no, we hav'got to talk about it.`` wieso denn reden, ich denk vögeln? wir beginnen eine endlose, sinnlose diskussion über sauberkeit & aids am arbeitsplatz & im bett, über die gefahren der ansteckung & die schlimmen leiden bei krankheitsausbruch, so daß sich mein pferdchen leise & heimlich in den stall zurückzieht & mir der bock komplett umfällt. so nicht, meine süße.

ich vögel fast immer mit mäntelchen, das in einigen sprachen der runden, sich drehenden erde auch hemdchen heißt oder sonst wie. bitte gerne mit gummihaut, aber nicht wegen aids oder irgend einer anderen geschlechtskrankheit, die womöglich nicht nur meinen schwanz befällt, sondern auch meinen übrigen körper angreift & ihn für immer mit häßlichen narben zeichnet. ich bin gerne bereit, mir die dünne, nach autoreifen riechende latexschicht über mein rohr zu rollen, falls wir tatsächlich ficken, & ich den knochen jeden augenblick in deine weiche, nasse grotte lege. solange wir lecken & küssen, solange wir miteinander spielen, bis wir naß & aufgeregt zittern, bis die milch schäumt & jeden augenblick überkochen will, wenn wir fingern & nästeln, wenn wir uns einreiten, wobei alles erlaubt ist außer ficken, & wir uns an den entscheidenden stellen reiben, bis es heiß brennt, & wir vor lust nix mehr anderes im kopf wissen als das alte rein raus, will ich immer noch keinen gedanken verschwenden an eine reue oder irgendeine gottverdammte krankheit, sondern ich will mein hartes ding in festen händen wissen & will selbst mit spucke befeuchteten fingern an der honigspalte melken, um den saft bis auf den letzten tropfen zu genießen.

ich verhüte nicht aus angst vor krankheiten, sondern weil ich noch keinen nachwuchs will, der mein sowieso zu kurzes leben für mindestens 15 jahre nachhaltig bestimmen würde, länger als alles andere auf der runden, sich drehenden erde.

nach einer ewigkeit & mehreren zigaretten, nach einem neuen kräutertee mit viel soyamilch, sind wir beide wieder entspannt genug, um das honigkästchen mit der banane zu bearbeiten. nina hat ihre reife pflaume vor mir ausgebreitet & ich führe einen zeigefinger an die weiche, feuchte innenhaut, wo der saft schon wieder fließt, lasse ihn von ihrer muschi einsaugen & ziehe ihn naß aus ihrem spalt, um ihn in unsere küssenden münder zu stecken. wir lutschen beide den salzig sauren geschmack auf.

so habe ich mir die sache vorgestellt. ich spüre ihren schweren körper auf mir, der mit seinem gewicht die untere kante des schambeins an meiner kräftigen karotte reibt. wir sind beide ohne einen faden am leib, außer der kleinen gummischicht, die das überlaufen der kochenden milch verhütet, & ich greife ihren riesigen arsch mit beiden händen & ziehe ihn so fest ich kann an mich. sie reibt mit einer hand ihre klitoris, bis wir beide die tore weit öffnen & nach einem kurzen, taumelnden kampf zusammensinken & uns bis zum anderen morgen auf ihrem großen bett ausruhen.

nach der kleinen session auf dem marktplatz beginnt die jazzshow der profis vor der kirche. hendrikson, der sammy davis jr der caribic, spielt eine mischung aus wes montgomery & jonny guitar watson, segelt leicht durch die harmonien, ein bein fest auf dem boden, das andere auf die ferse gestellt, so daß die zehenspitzen im 8teltackt hin & her wippen.

``& I really miss you most of all, when the rain starts to fall.`` er singt sein solo zum lauf der finger in den verstärker, tanzt ihnen sachte hinterher, durch seine musik hindurch, erstaunt darüber, wie witzig sie spielen, & der dezemberhimmel über ste anne dankt ihm die gute vorstellung mit einem platzregen. wir verschwinden in die umliegenden caffees bis der wettergott ein einsehen hat mit der 500köpfigen jazzgemeinde & die westindian jazz band die sonne von st. lucia aus allen hörnern auf den kirchplatz gießt.

ich trampe anschließend zurück nach fort-de-france, wieder in einem r5. der fahrer raucht eine dicke habana, & aus seiner üppig ausgelegten stereoanlage schwingt hell das schnelle klingeln der caribischen triangel. ich erreiche den park an der festungsmauer, um einen bummel an der ostseite entlang der fliegenden restaurants zu machen, die hier jeden abend rund ums jahr hühner, fische, muscheln & langusten auf holzkohle garen & zum essen anbieten. ich laufe die reihe der lokale ab, an klapptischen vorbei, voll besetzt mit vespergruppen. hintendran steigt rauch in den himmel. flaschen klingen hell. ich höre das knacken der fettspritzer auf der glut & bleibe bei einem beleibten, dickbrilligen, schwarzen koch stehen, dessen leibesfülle für die güte seiner küche bürgt. auf dem grill wartet ein halbes dutzend hühnerschenkel, ein blech voller muscheln & ein dutzend langusten darauf, vom chef gewendet zu werden. er reserviert sich 2 der rötlichen schalentiere, bricht sie unter lautem knacken auseinander & bietet mir eine messerspitze umbrafarbener körner an.

``c'est le mieux ça, c'est très bon.`` ich koste eine fingerspitze der frischen langusteneier, & das wasser läuft mir augenblicklich im mund zusammen. er holt von einer ablage unter dem rost 2 lambin hervor, faustgroße, gedrehte seeschnecken, die häuser voll mit meerwasser, & legt beide mit der öffnung nach oben in die heiße glut, darauf bedacht, die flüssigkeit nicht zu verschütten. ich schaue zu, wie der sud in der kalkschale zu kochen beginnt & innerhalb von minuten das schneckenfleisch gart. der dicke sticht mit einer langen nadel in das heiße kalkhaus, drückt den gekochten muskel aus der verankerung, fischt ihn aus dem sud & legt ihn mir auf einen teller, um ihn in daumennagelgroße stücke zu schneiden. ich kaue andächtig auf dem süßen kautschuk. keine faser & keine sehne, kein papierartiger nachgeschmack, wie bei rind, keine faserige, trockene masse. selbst krebsfleisch verliert seine form nach ein paar bissen.

die muschel, in der entwicklungsgeschichte der lebewesen älter, mit geringerem organisationsgrad der zellen, hat die reine, süße kraft der urbewegung, nur zu vergleichen mit einer jungen, nassen muschi, die ihre feuchtigkeit aus ständig arbeitenden drüsen abgibt, nachdem der gipfel der lust schon überschritten ist.

auf der anderen seite des parks tausche ich mit jerôme 3 präser gegen 2 kleine sticks, & wir rauchen einen zusammen weg. er ist heute abend mit einer perle verabredet, & ich brauche die gummis erst weiter im süden auf dem festland, wo du mich mit deiner süßen spucke erwartest, ohne auf mich zu warten, wo du mir den tango zeigen wirst & deine liebe, die einfache, gradlinige liebe, wo du mich retten wirst für mehr als eine nacht.

ich bestelle im eckcaffee vor dem park einen caribischen zuckerrohrschnaps, der im wasserglas mit etwas braunem zucker & einer 4tel limone serviert wird. die französischen antillen sind eklig teuer, teurer als das mutterland, bis auf zigaretten & rum. die alte, schwarze bedienung stellt mir die flasche vor die nase. langsam gieße ich den dickflüssigen schnaps ein, & während der brennstoff in mein glas fließt, überlege ich mir, wieviel ich trinken will & stoppe unweigerlich, als es halb voll ist. die alte verschließt die flasche unter einem langen grinsen, hebt die schultern, spreizt die ellenbogen seitlich weg & macht 3 bewegungen auf & ab & ein geräusch wie eine quakende ente, wobei ihre augäpfel bis hinter das gehirn rollen. ich rühre mit dem kleinen löffel den braunen zucker um & nehme einen schluck vom süßen sirup & muß, als mir die heiße flamme die speiseröhre entlang läuft, so daß mir eine gänsehaut den gesamten rücken hinauf, die arme entlang & wieder zurück zum rücken krabbelt, augenblicklich die schultern anheben & mit den ellenbogen 3 unbeholfene flugbewegungen machen. den quakenden laut aus meiner kehle kann ich unterdrücken. ich werde ein paar zeilen schreiben über nina & boulder, über meine caffeebohne in cuba, über den sozialismus & den realexistierenden kapitalismus.

am näxten morgen telefoniere ich mit meiner mam zu hause & mit meinem bruder in buenos aires, & wir verabreden uns zum weihnachtsfest in der großräumigen wohnung oberhalb des friedhofs recoleta. als ich am anderen morgen aus meinem winzigen zimmer des hotels ibiscue in der rue redoute du marouba ins bad gehe, entdecke ich hinter der tür auf einem haken eine weiße capitainsmütze mit schwarzem schirm & goldenem band, wie ich sie seit meiner kindheit gesucht habe. sie ist fleckig & verranzt, wie es sich für eine echte seemannskappe gehört. ich verliebe mich sofort in die weiße kopfbedeckung & stecke sie als vorletzte geste in meine reisetasche. der dürre wirt, der selbst in einem seiner zimmer lebt, züchtet auf dem fußboden ein winziges küken zum kampfhahn heran. ich bezahle den alten & sehe seinen fuckfinger der linken hand, den er nach einem unfall nicht mehr einknicken kann, steif wie ein verletztes bein meine scheine blättern. ich nehme den bus zum flughafen & verlasse martinique in richtung trinidad.

ich werde später für einen warmen dezembertag durch caracas schlendern & mir für mich & als geschenk für meinen bruder ein paar hemden holen, die vor einem halben jahr von flinken, chinesischen näherinnen gefertigt worden sind.

america schwimmt in chinesischen waren, in günstig hergestellten gütern der schönen, guten, wahren welt. in china kostet die arbeitskraft fast nix, da sie vom planenden staatswesen ausgebildet & unterhalten wird. so schaffen 100 chinesen an veralteten maschinen die arbeit von 5 westlern an den modernsten arbeitsplätzen & sind immer noch billiger als die hart strampelnden arbeitstiere im mutterland des grenzenlosen geldverdienens. selbst wenn wegen allgegenwärtiger planung & abwesender eigenverantwortung schlendrian entsteht, so bleibt unter der gewinn-verlust-rechnung noch immer mehrwert für den besitzer der produktionsmittel übrig, in diesem fall zur hälfte dem chinesischen staat, der mit den ausländischen scheinen einkauft, was er zu hause nicht kriegt, & zur hälfte dem kapitalistischen geldleiher, der nix anderes vor hat, nur mit dem unterschied, daß er den überschuß bei der erarbeitung von reichtum als seinen privaten besitz betrachtet, den er nur dann gewillt ist, wieder in die produktion zu stecken, falls diese ihm seiner ansicht nach einen gewinn abwirft, weswegen sie auch, falls unter seiner berechnung nix zu erwarten ist, ganz einfach stillsteht, egal, ob maschinen da sind & ausgebildete leute, egal, ob die produzierten sachen genutzt werden könnten oder nicht. falls für den einzigen gebrauchswert, den der kapitalismus kennt, nämlich das scheinemachen, die maschinen & die ausgebildeten leutchen nix taugen, dann läuft auch nix in sachen produktion. der vorgang ist deutlich im wiedervereinigten herzen europas zu sehen, wo ganze industrien abgerissen werden, weil sie zwar zum produzieren von dingen taugen, nicht aber zum erwirtschaften von mehrwert.

die sozialistische wirtschaft kennt keine produktionskrisen, wie sie in mehr oder weniger regelmäßigen abständen die profitable weltwirtschaft lähmen, es sei denn, weil die geplante planwirtschaft eine selbst erzeugte, weil selbst geplante materialknappheit herbeiplant & deshalb ein teil der produktion nicht in der lage ist, zu fabrizieren. selbstredend stehen wir hier vor 2 völlig unterschiedlichen arten der krise des produzierens, ist doch die eine als fester bestandteil des systems geradezu vorprogrammiert, während sich die andere durch vernünftige & rationale planung einfach vermeiden läßt.

solange besitz geschützt ist & privateigentum gewollt, solange wird sich an derartigen dingen nix ändern, & es ist nicht die geschichte, dieses blauäugige fräulein mit den entblößten, hochstehenden brüsten, sondern es ist die gebündelte kraft der einzelnen, die dieser sache das endgültige ende bereitet, falls die vielen einzelnen gewillt sind, auf die gewinne einiger weniger zu verzichten & auf den vielfach geleisteten arbeitsdienst dafür, nicht auf reichtum zu verzichten, sondern lediglich auf seine einseitige verteilung, seine anhäufung bis zum verfall auf der einen seite & seinen mangel bis zum hungertod auf der anderen.

augenblicklich aber träumen 1000 millionen menschen von einem großen los in einer der unzähligen lotterien, wo sie täglich ihren winzigen einsatz zum ergötzen der lotteriebesitzer & eines einzigen gewinners verwetten, in der mathematisch & vernunftbegründet völlig unsinnigen aussicht auf ein kurzes leben ohne sorge durch das wunder der unwahrscheinlichen wahrscheinlichkeit.

baía brasilien spielt ein würfellotto, bei dem der buchmacher vor den augen der setzenden einen becher mit 6 würfeln stülpt & für jeden richtig gewetteten pasch den einsatz verdoppelt. die falsch getippten scheine, die während der wette unter einem gummi auf den gemalten würfelaugen festklemmen, landen in der tasche des budenbesitzers, wo sie am näxten tag als essensmarken weitergereicht werden.

menschen, die nix haben, außer ihren klamotten am leib, leben auf der straße auf einem stück pappe & betteln sich ihr essen zusammen. sie werden vom offiziellen, brasilianischen fernsehen, dem guten informanten, nicht wie bei uns, als asylanten bezeichnet, denn sie sind offiziell einheimische, sondern als fremde, die aus der fernen misere in die stadt kommen, für ein besseres, sowieso zu kurzes leben. sie heißen neuankömmlinge & dürfen den traum von der schulausbildung unter den unzähligen straßenbrücken verschlafen. ihre kinder bekommen kaum zu essen, geschweige denn eine erziehung oder eine ausbildung, sondern wachsen heran, indem sie die eltern unterstützen beim verkauf von kleinkram, indem sie nachts auf würstchen für hotdogs aufpassen oder kleine tüten erdnüsse versilbern. es sind nicht immer die häßlichsten & dümmsten, die unter den erbärmlichsten bedingungen leben müssen, & es sind zweifelsfrei & bei weitem nicht immer die schönsten & witzigsten, die ein kurzes leben ohne arbeit in saus & braus verbringen.

ich werde, nachdem ich dich kennengelernt habe & du mir die liebe gezeigt hast, wie alle oder fast alle anderen beruhigt nach hause gehen, um am näxten morgen auf die arbeit zu dackeln & meine zeit als jahresnutte abzusitzen, bis mich mein herr & meister entläßt, damit ich mich für den folgenden tag & den folgenden monat & das folgende jahr wieder erholen kann.


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© m.k.

Michael Kloeckner Radio Radieschen 2002-01-22