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die reise mit mam

über ein halbes jahr hatte ich meine alte mam nicht gesehen & hatte sie auch nicht vermißt. ich liebe meine mam, wenn sie mit glühenden augen eine geschichte erzählt, bei der kein satz ein sauberes ende nimmt & schließlich unter den ungläubigen augen der zuhörer zwischen ``hat der tatsächlich`` & ``ich hab's ja eigentlich kommen sehen`` versandet, wenn sie meinen namen ruft, daß mir der schrecken durch mark & bein fährt, weil sie ihn dehnt & zieht, bis er schließlich zu einem häßlichen wortfetzen ausleiert, so daß nur eingeweihte zusammenreimen können, wer gemeint ist, wenn sie ihren kleinen herzanfall bekommt & damit droht, in die kiste zu hüpfen, was ja schließlich ganz alleine meine schuld wäre, meine schuld, & ich würde ja schon sehen, falls sie nicht mehr wäre, was dann sei.

mit einem schlag mußten die offen stehenden türen in der schönen, luftdurchfluteten wohnung meines bruders geschlossen sein, mußte sofort gespült werden nach dem essen & die butter sofort wieder in den kühlschrank, wurde zuerst der verdorbene käse gegessen & nicht der leckere frische, der zu neu & ungeöffnet war & erst in einem langen schimmelvorgang an brauchbarkeit verlieren mußte, bevor ihn die küchenchefin zum verzehr freigab.

``da ist doch noch der alte, der muß zuerst weg.`` ``mam, der krieg ist vorbei.`` ``das hat damit gar nix zu tun, nur muß der alte zuerst weg.``

wie anders bist du, wenn du mich rufst & mich zwiebel nennst, weil ich am abend, als wir uns kennenlernten, bevor wir uns küssten, zwiebeln in einem salat zerbiß, so daß mir die nase lief vom scharfen geschmack. wie freue ich mich auf den sanften klang deiner stimme & die frage in deinen augen, wenn du mich rufst, um mir etwas zu erzählen oder um mich anzusehen.

mam zerriß meinen reisefaden kurz & entschlossen & nahm unser weihnachtsfest zusammen mit mir & meinem bruder in die feste hand. wir kauften leckere merluza & mein bruder lud sich 2 gute freunde in die wohnung, mit denen wir bei tschaikowskij & luluwasser bis nachts um 3 das feuerwerk auf dem langen balkon genossen. das weihnachtsfest begann mit dem zerlumpten dosenkicker auf der recoleta, einer laut geschmetterten moldau & einem netten lichterwald über den dächern von buenos aires.

wir hatten die subtropen von iguaçu schon hinter uns, waren an den riesigen, braunen, tief fallenden wassern entlanggelaufen, wo schwarze mauersegler ihre nester hinter die nasse wand kurz unterhalb der fallkante bauten, waren mit unseren blicken den kleinen zitronenfaltern gefolgt, die vor dem fallenden weiß tanzten, bis ihre hauchdünnen flügel, von einem tropfen beschwert, im hellen, flüssigen strudel verschwanden, hatten unsere körper unter den 30 m fallenden, hart aufschlagenden strahl aus wasser & luft gehalten, hatten einsam in den schlund des teufels von oben die 70 m tiefe schlucht hinunter gestaunt, wo das wasser, zu feinsten tropfen zerstäubt, eine gicht entwickelte, die von der entweichenden druckluft bis zu uns herauf getragen wurde, so daß ein regenbogen am sonnigen himmel stand, hatten über den km breiten, knietiefen zufluß oberhalb der fälle geblickt, der glatt & sanft sein weiches, jodhaltiges wasser unaufhaltsam wie ein rotbraun gewebtes tuch über die halbkreisförmig ausgefressene kante schickte, wo es sich weiß färbte, um durch die wucht des freien fallens in unendlich viele, winzige fetzen zerrissen zu werden, waren mit förster, dem ostpreußischen auswanderer & seinen weit auseinanderliegenden, ostpreußischen augen, so strahlend blau wie der himmel über der heimat seiner väter, durch die winzig kleine übertagemine von wanda gelaufen, wo wir aquamarine in ebensolchem hellblau in einer roten schicht schotterbasalt sahen, grüne jade, rote jaspe, blauen, schwarzen, hellrosanen amethyst, smokefarbenen topas, granatzitrin & hellblauen & lilablauen achat, waren mit seinem nagelneuen, argentinischen renault in luftgekühlter frische an riesigen, weit ausgedehnten, immergrünen nadelwäldern vorbeigefahren, an canafistola & epinia, an akazienhainen, über eukalyptusalleen, vorbei an guenbu- & aguaybäumen, an mannshohen bromelensträuchern mit dunklen schwertblättern, an catiguas & loras, an wirtschaftlich genutzten, endlosen kiefernwäldern 20jähriger araupinias, die hier zum holzziehen für die papierindustrie in gleichförmigen reihen standen, über die rote, fruchtbare, latrinische, vulkangebrannte erde, die jedes jahr in 4 monaten 3 ernten mate hervorbrachte, waren mit einem schlauchboot in die 2 arme des ipaná im 600 m breiten halbrund der fälle über die hart aufbrechenden stromschnellen geglitten, die wie lebende muskeln einer aufgeregten echse schnell & kraftvoll unter unserer nußschale zuckten, hatten die grellen, handtellergroßen schmetterlinge in den regenwäldern rings um den fluß bestaunt, die als gleißend leuchtendes, türkises zeichen oder in einem gold- & rotgemisch keine bange kannten, sich auf unsere sonnenerwärmten körper zu setzen, hatten bei kerzenschein & klaviermusik zu dritt in der festlichen stube unseres hotels, mit blick auf die endlos herabstürzenden fälle gegessen & nachts den grillen gelauscht, die lang anhaltende, grausam helle töne erzeugten wie vögel in todesnot, so daß sich schwebungen ergaben, die den saftig grünen, immerjungen urwald in einem atemzug austrockneten & zu pulver zerstäubten.

der ausflug in den süden argentiniens nach patagonien bis an die magelanstraße lag noch vor uns. mein bruder hatte alles bestens organisiert. unsere augen sahen auf die riesigen eismassen des strahlend weißen moreno-gletschers, von einem 3 tage alten katamaran auf einem seitenarm des 800 m tiefen lago argentino, dessen milchig weißes gletscherwasser warm schimmerte, obwohl es kalt war wie schnee, zogen vorbei an den kaum 150 millionen jahre alten faltungen der spitzen der vorkordilleren, die wie die haut dicker elefanten dunkelbraune schlieren in den gleißend hellen himmel stießen, blickten auf die 600 qkm große fläche des upsala gletschers, auf dessen gletscherblau leuchtendem rücken 2 dunkle spuren der endmoräne in großen schwüngen, dem verlauf des unendlich langsam fließenden eisstroms folgend, eine bahn bis an die abbruchkante zogen, während von der km breiten wand, die in den see hineintauchte, ein turm abbrach, von der größe eines 20stöckigen wohnhauses, & langsam im wasser versank & eine halbkreisförmige welle verursachte, um wieder aufzutauchen & als eisberg in weniger als einem monat zu faustgroßen klumpen zusammenzuschmelzen, hörten das harte krachen, als der moreno winzige teile seiner eiswand abwarf, so daß sie flach auf das kalte wasser schlugen, stiegen mit einem dutzend touristen & 2 unerfahrenen, wagemutigen führern über die zerklüfteten, wasserdurchflossenen zacken des zusammengeschobenen eises, wo ein 70jähriger, um dessen heißblütigen enkel wir bangten, nach einem stolperschritt eine lange, gefrorene rampe in querlage über die helle körnung segelte, bis ihn die zufällig weiter unten am grat wartende, junge argentinische hausfrau davor bewahrte, weitere 6 m senkrecht auf das harte, spurenlose eis zu schlagen, zerstritten uns bei tiefgefrorenen muscheln bis aufs blut, so daß der familiensegen in guter, alter familientradition wirklich schief hing, & kamen ermüdet nach einem 7 stunden verspäteten flug in der alten, europäischen hauptstadt südamericas mit ihren 25stöckigen wohnhäusern an, wo meine mam ihren wohlgeplanten heimflug von der reise ihres lebens antrat.

keiner von uns 3 hatte einen fotoapparat dabei, & so waren wir nicht, wie die unzähligen reisenden, damit beschäftigt, ein geeignetes motiv vor die fein eingestellte, elektronisch kontrollierte linse zu bekommen, sondern stolperten offenen auges durch die einzigartige, unglaublich weite, kraftstrotzende natur südamericas, die uns mit farbkontrasten zwischen hellblau & dunkelbraun, zwischen silbergrün & zinnober, zwischen goldgelb & türkis die augen wusch. zum glück war der familienausflug auf 4 wochen begrenzt, in denen ich jedoch den rhythmus meines reisetages, bestehend aus einer halben stunde yoga, einem guten stündchen zwiesprache mit meinem freund, einem kleinen frühstück, ein paar erkundungsschritten in neuer umgebung & ein paar zeilen an die nachwelt am abend bei schnaps oder bier oder wein, völlig verlor. das neue jahr begann hoch oben auf dem balkon meines bruders in luluwasser geschwängerter familieneintracht, unter der beschwörung, das alles gut werde.

nix wurde gut. die argentinischen mädels würdigten mich keines blickes, meine schreibe versickerte im weißen sand, mein akkordeon blökte mich mit rostigen tönen an & das geld mußte ich bedürftig von meinem bruder annehmen, der mir wenigstens über meine verquere denkweise, die um 5 ecken herum führt, anstatt geradeaus zu verlaufen, die augen öffnete & mich einen berufspessimisten schimpfte.

``du lebst nun mal in dieser gesellschaft``, sagte er. `` & es gibt augenblicklich keine andere, also wieso schlecht drauf sein, wieso trübsal blasen, wieso mit dem rauchen aufhören, ich bin da selbst recht gut zu mir & meinem körper. wenn der rauchen will, na bitte, soll er doch, ich verkneife mir da nix, das hat doch keinen zweck.``

also gab ich auf, das rauchen aufzugeben, reservierte einen flug nach são paulo & setzte mich für meine 3. tanzstunde in den etwas schickeren miclub in der suipacha zwischen lavalle & corrientes, zu der patricia aus unerfindlichen gründen pünktlich erschienen war. wir tranken mit leonora 2 flaschen billigen apfelsekt & tanzten mehrere tangos, bis ich die 8 vorwärts zum ersten mal fehlerfrei auf die tanzfläche legte. ab 11 uhr spielte eine band von 5 leuten & einer sängerin den rumba, & die alten damen schauten mit aufrechtem rückgrad & erhobenem haupt über die flachen tischreihen, ob jemand die vergangenheit bei einem flotten caribischen tanz zurückholen wollte. meine beiden begleiterinnen mußten am näxten morgen arbeiten & verließen mich gegen 2 uhr, so daß ich mich nach den mädels in meinem alter umschauen konnte.

eine kleine, kurzgewachsene locke lehnte sich kaum 3 schritte vor mir, von ihrem tanzpartner fest im arm gehalten, wuchtig gegen dessen ausgestreckte hand. ihr runder hintern bebte bei jeder drehung lange & kräftig nach & ihre schwarzen augen flogen mit einem seeligen blick beiseite.

sie verschwindet nach dieser runde in den hinteren tischreihen, & ich stehe langsam auf, um sie zu suchen & entdecke sie in einer hellen, halbdurchsichtigen bluse, in der 2 riesige, feste kugeln gefangen sind, mit einer freundin alleine an einem tisch sitzen. ich warte das ende der tangorunde ab. auf der weiten tanzfläche mißachten 5 paare kunstvoll ihre tanzpartner & die zuschauer, kopf an kopf, die hüften schön sauber getrennt, oder hüfte an hüfte, die köpfe schon sauber auseinander. sie fliegen schrittgleich in zackigen bewegungen wie schmetterlinge über die steinfliesen.

beim ersten rumba fordere ich die schwarze locke auf. ohne mit der wimper zu zucken folgt sie meiner schwitzig feuchten hand in den ring, der sitte, dem argentinischen anstand & meinem starren blick gehorchend. mein kleines, dummes herz rutscht mir in die hose, wo es wie blöde zu schlagen beginnt & mir vor aufregung zerspringen will, so daß ich ihr vor angst nicht in die augen schaue, sondern nur ein holpriges gestottere rausbringe, eine vorabentschuldigung für meine dürftige rumbatanzkunst. ich ernte 2 große fragezeichen in den schönen augen. sie schnappt meine andere hand, legt sie um ihre hüfte über den festen, dicken arsch & beginnt nach 3 schwüngen mit einem einfachen anfängerschritt, den ich verhaue. wir starten von vorne. diesmal zähle ich mit. wir laufen los, zwischen den vielen paaren hindurch. ich bin darauf bedacht, den schnellen rhythmus nicht zu verzögern.

nach einem endlosen rumba, in der ich mir die frage nach ihrem namen & meine antwort auf ihre frage nach meinem namen zurechtgelegt habe, nach 2 unglücklichen starts, die ich heldenhaft auf das konto meines mangelnden taktgefühls verbuche, nach einem verständnislosen blick ihres kindlichen gesichts, als ich gerade den mut aufbringe, sie zu fragen, mit ihr einen netten abend & eine vielleicht noch nettere nacht zu verbringen, lächelt sie gezwungen in mein erstauntes gesicht, löst sich aus meiner salzigen umklammerung & sagt grinsend: ``später nochmal, vielleicht.`` ich stehe mitten zwischen hart arbeitenden tanzpaaren, die alle & zwar alle zu 2t sind, nachts um halb 3 besoffen auf der hälfte der suipacha & darf zusehen, wie die locke mit einem dünnen, glattrasierten, billig gekleideten fußballspieler abzieht, der auf ihre breiten lippen & die noch breiteren hüften gar keinen bock hat, weil er sich gerade mit ihrer freundin amüsiert & ihre bestimmende art überhaupt nicht ausstehen kann.

ich gehe hoch auf die belebte, in grünen & roten neonbuchstaben flimmernde nebenstraße der corrientes & warte auf meine geliebte 17, die mich bis vor die tische des caffee de la paix in der recoleta bringt, wo um diese zeit hochbetrieb herrscht für hüftkranke, gutgekleidete porteños. bis zum sonnenaufgang werde ich die laue sommernacht bei ein paar überteuerten drinks rumbringen.


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© m.k.

Michael Kloeckner Radio Radieschen 2002-01-22