die poeten der runden, sich drehenden erde sind ausgestorben, ausgewandert oder ausgetrocknet. sie haben den mut oder die fertigkeit verloren & bringen nix auf die reihe, außer ein paar tote, faulende, feuilletonistisch hochgelobte buchstaben über den schmerz der welt oder die einzig wahre, echte liebe, leider unerfüllt & von haus aus unerreichbar. sie fingern an faden wortfetzen, die sowieso kein mensch braucht, & haben von dichtung, der dichten verkettung von sprache schon gar keinen blassen dunst. die einzigen, noch lebenden poeten arbeiten im team in den großen werbehäusern in são paulo, mexico city oder sonstwo in einer einigermaßen netten stadt & sind in der lage, uns mit erfundenen, kurz erzählten, prallen geschichten zu füttern. sie erzeugen in einem langen, gruppendynamischen vorgang der verdichtung neue denkmuster & erzählen uns aufregende liebesgeschichten, leicht bekömmlich im 45 sekundenrhythmus, gut verdaubare familiensagas in eineinhalb minuten & vergessen dabei nichtmal auf das beknackte produkt aufmerksam zu machen, für dessen werbung sie bezahlt werden. sie arbeiten an einer neuen, schnell begreifbaren, flockigen bildersprache, mit der sich all das, was wir uns vorstellen, ausdrücken läßt, bauen uns in 4 schnitten pro sekunde ein gefühl in den kopf, von dem wir bis dato nichtmal wußten, daß es dafür eine chemische rezeptur in unseren gehirnen gibt, füttern uns mit eindrücken von unbekannten, ersehnten welten & erfinden eine neue, längst nötige, längst fällige form der sprache, die den schnellebigen inhalt überhaupt erst übertragen kann.
solltest du zu der gemeinde der switcher gehören, die auch zaper heißen oder channel crosser oder sowienoch, & sich mehrere programme durch schnelles hin- & herschalten gleichzeitig anschauen, so bist du längst ein fan der neuen dichtkunst geworden. die lässig gemachten werbespots bieten die art der erzählung in hochform, die wir, da wir im standgas zu hoch laufen, wegen ihrer geschwindigkeit schätzen, für zwischendurch & so, & um die schrift mit dem sowieso zu kurzen leben zu versöhnen. bilder, die von dem strotzen, von dem sie handeln, namentlich von liebe ohne nacktem fleisch, von 2 leuten, die sich gerade finden, von ganz vielen, die schon so viel zusammen gemacht haben, mit einer geschwindigkeit & fülle, die nichtmal vom knappen leben eingeholt werden kann, fesseln uns in einsamen nächten lange vor der flimmernden kiste, obwohl wir doch schon längst müde sind & eigentlich schlafen wollten.
bleibt mir also weg mit erfundener, nicht gelebter, langwierig & umständlich erzählter literatur, die sich einen abbricht, um dann nix anderes als das alte rein raus im auge zu haben, die in völlig verkrampften geschichten das sucht, was das sowieso zu kurze leben augenblicklich für deren schreiber nicht zu bieten hat, die aus blutarmut & lebensunfähigkeit lieber fabuliert & erfindet, als selbst zu erfahren & zu erleben, die sich eher traurig was zusammenlügt, als der lachenden wahrheit ins hellblaue auge zu schauen, weit geöffnet für jeden, der sich lieber auf die suche macht, als in den träumen anderer eine heimat zu finden.
wenn schon weltfremd, dann bitte mitten auf der runden, sich drehenden erde mit all ihren nachteilen, all der scheiße, die tagtäglich abgeht. aber bitte nicht trostlose sachen schön lügen, oder den dumpfen, tristen knast mit einer farbtapete klausbunt verkleiden, damit die betonwand dahinter nicht zum vorschein kommt. lieber werde ich als touri in einer blöden kneipe über den tisch gezogen, als zu hause davon zu träumen, meine einzig wahre liebe zu treffen, die ohnehin in genau den entgegengesetzten zug einsteigt wie ich, falls ich überhaupt in einen zug einsteige, um sie zu suchen oder sowas in der art. lieber stehe ich ohne hoffnung in einer menge von leuten, die in der lage sind, meinen letzten anstand zu zerstören, als daß ich brav zu hause in erfundenen, nie passierten geschichten anderer leute mein kleines, blödes mütchen kühle. bleibt mir also weg mit literatur, mit arztromanen oder intellektuellen novellen von hohem literarischen wert, die rein erfunden & deshalb nie passiert sind & nix darstellen, als den verzweifelten wunsch des verfassers, mal gelebt zu haben.
was ich hier erzähle, ist nix als die wahrheit, die reine, ungeschminkte wahrheit, & ich schreibe sie nicht auf, um eine beknackte runde abgehalfterter heftchenleser beim hirnwichsen anzutörnen, sondern lediglich, um das bißchen echte wahrheit, das sich täglich in den städten der runden, sich drehenden erde zuträgt, ein für allemal festzuhalten, um die geschichten aus ihrem bekackten, hoffnungfrohen kreislauf des vielleicht-doch-mal & das-näxte-mal-aber-bestimmt heraus zu holen & zu zeigen, daß ein einziges, sowieso zu kurzes menschenleben allemal ausreicht, um mehr als einmal glücklich zu werden, um mehr als nur im traum gelebt zu haben, daß ein halbes jahr bereits langt, selbst ein halber tag schon langt, um eine gute geschichte nicht zu erfinden, sondern sie selbst & eigenhändig zu erleben, so wie ich all die hier aufgeschriebenen begebenheiten glücklicherweise nicht erfinden mußte, sondern durch eigene arbeit, so wie sie alle, oder fast alle menschen verrichten, erlebt habe.
dabei kann es schon mal passieren, daß alte gewohnheiten oder liebgewonnene gegenstände auf der strecke bleiben. es kommt schon vor, daß der bus nicht pünktlich an der haltestelle erscheint & ich eine unbestimmte zeit zu warten verdammt bin, mich mit irgendwelchen wildfremden menschen über völlig idiotische themen, wie etwa das wetter, zu unterhalten. es darf schon mal passieren, daß der lauf der welt meine pläne durchkreuzt, daß ich sie komplett über bord schmeißen muß & mich in diesem einen augenblick meines sowieso zu kurzen lebens, ohne mit der nötigen information ausgestattet, völlig blind für eine der vielen möglichkeiten entscheide, die das sowieso zu kurze leben in jeder seiner unzähligen, im durchschnitt 2einhalb milliarden sekunden dauernden zeitspanne zur verfügung stellt.
es kann durchaus vorkommen, daß nicht jede der sekündlichen entscheidungen immer die richtige ist. falls du also lieber zu hause in der vorgefertigten spur dein sowieso zu kurzes leben als arbeitstier, als fürsorgliche mutter, als braver, treuer diener oder als aufrichtiger blockwart verbringen willst, dann gehe nie ohne regenschirm aus dem haus, denn es könnte trotz aller versprechungen des wetteramtes heute gerade regnen, wo du die neuen schuhe trägst, & sie doch bis zum jahresende halten müssen, wenigstens aber bis zum treffen mit den eltern deines neuen, alten schatzes oder zumindest, bis du mit dem chef über die neue stellung gesprochen hast, denn schließlich soll keiner einen schlechten eindruck von dir erhalten & dir wegen ein paar lausig geputzter schuhe dein fortkommen verweigern.
laß dir folgendes gesagt sein. wenn du mich wirklich liebst, & ich dich wirklich liebe, spucken wir uns in den mund, in den weit geöffneten, nassen, triefenden mund & trinken uns gegenseitig aus, lecken uns alle teile unserer schwitzenden körper ab, egal, ob die faulenden reste der letzten malzeit einen bitteren geruch verbreiten, egal, ob der schweiß sich unter den millionen kleinstlebewesen zu einer sauren, beißenden schicht verwandelt hat. wir spucken uns in den weit geöffneten opferbereiten mund & trinken uns gegenseitig, daß die langen fäden über die lippen laufen, wenn wir uns wirklich gern haben, so wie ich dich gern habe mein engel, mein honig, mein sowieso zu kurzes leben, mein retter, der mich feucht macht & mich nicht ruhen läßt, bis ich dich feucht gemacht habe & all dein saft aus dir geflossen ist, & wir beide ruhig & verliebt, alt vor kraftlosigkeit einen schweren, traumlosen schlaf gemeinsam bis zum anderen tag schlafen.
© m.k.
Michael Kloeckner Radio Radieschen 2002-01-22