bevor ich nach cuba kam, kurz davor auf dem flughafen von cancun, der urlaubshochburg von mexico, hörte ich die unglaublichsten horrorstories über die insel. zum beispiel, daß gerade eine augeninfektion umgehe, eine ansteckende, nicht tödliche, aber lästige krankheit.
``wenn du jemandem die hand gibst, wasch sie dir sofort, bevor du ans auge gehst damit.`` ich hatte mein pink eye schon hinter mir. dazu mußte ich nicht erst nach cuba kommen, & da ich ohnehin die guagua nahm & nicht umhin kam, wenigstens ab & zu an die haltestange zu greifen, da ich sie genauer gesagt beim busfahren ständig in mindestens einer hand hielt, die klebrige, rostige, mit menschenschweiß verseuchte metallstange über meinem kopf, machte ich mir nix aus der gefahr, eine augenentzündung einzufangen. ich hatte meine eigene aus amiland mitgebracht.
in usa sind alle besonders hygienisch & klinisch sauber, weil sie eine unglaubliche schiß haben vor ansteckenden krankheiten. alle, oder fast alle, könnten, falls sie krank werden & nicht zur arbeit erscheinen, ihren job los sein. alles antiseptisch & körperlos. ``sorry about that¡` ich hatte nach einer woche im klinisch toten amiland die erste augenentzündung meines kurzen lebens, 1800 m über dem meer, im schönen, sauberen, 80tausend seelen freakstädtchen boulder, zur besten boulder jahreszeit, dem herbst, direkt an den roten foothills der rockys, mit super blick über die steppig gelben plains, bei gutem wetter, mindestens einmal am tag, bis nach denver, 1 mile high, 30 meilen südwestwärts.
``if you dont like the weather, wait a minute¡`
wer den pfad an den iron flats entlang bis zum red arc geht, schaut über die plains & hat das gefühl, bis nach utha & nach kansas zu sehen. im norden, lange nicht so weit entfernt, durch die 4tausender der continental divide, der wasserscheide der rockys, getrennt, liegt wyoming, viel schwerer zu erreichen als kansas city. die foothills sind die erste welle des americanischen zentralmassivs, freundlich & leicht schräg gegen westen gelehnt, in voller nordsüd-breitseite auf ewig & ewig. nina läuft vor mir über den hellroten waldboden durch die silbergrünen hügel & erzählt & erzählt & läuft dabei wie an einem faden gezogen. ich kann ihren bienengeruch riechen, der an ihr haftet wie haare am kopf. sie backt an 3 tagen in der woche im caffee brillig für halb boulder kuchen & batikt den rest ihrer zeit dead shirts in handarbeit mit eigenen designs.
``this is going to be a realy dark colour``, sage ich. ``no it's allright.``
sie batikt mit einer mischung aus paraffin & bienenwachs, die in einem messingtopf warmgehalten wird. ninas breitseite hüpft vor mir auf dem weichen sandsteinboden durch den hellgrünen kiefernwald. sie hat 2 paar dock martins & läuft damit 3 jahre. ihr zimmer ist wie mein schreibtisch ein kimspiel, & genau wie ich findet sie alles, oder fast alles, auf den 2ten griff. nina sammelt stoffreste, um daraus hüte, genauer, zauberhüte zu nähen. nina hat kunstgeschichte studiert, aber sie ist nicht die kunstgeschichtenschnepfe wie sonst üblich. ihr dicker, riesiger hintern wippt leicht wie aus luft vor mir über den waldboden. ihre braunen augen schauen mich in kurzen abständen fragend an & suchen sofort wieder ein anderes spielzeug.
die amis, bis auf nina & 3 andere, sind saufreundlich. der service in amiland ist saugut, er ist überragend, das beste, 1 a, & er ist überzeugend. wenn du im coffeeshop was bestellst, kann es passieren, daß der wildfremde typ an der theke dich spätestens beim 2ten mal, wenn du ein costumer bist, fragt, wie du den tag verbracht hast, & wehe, du beginnst zu erzählen, was du gemacht hast, wo du warst, oder was du denkst. alles was er hören will, ist gute laune, klar, super, man, super tag, toll, super gewesen heute. maximal. letztlich hat der serviceman wieder einen job zu verlieren, & draußen warten zig andere.
amis arbeiten selten ihr sowieso zu kurzes leben im gleichen job oder auch nur in der gleichen branche. selten bleiben sie ein ganzes, knappes leben an einem fleck wohnen. die beweglichkeit der nordamericanischen arbeit, was ort, zeit & lohn anbelangt, macht allen noch was vor. der andere grund, warum die leute in amiland zu jedem freundlich sind, ist ganz einfach der, daß jeder, aber auch wirklich jeder, mit dem du sprichst, eine waffe tragen & eventuell davon gebrauch machen könnte, wobei du vielleicht im weg wärst, so daß du schnell zur seite trittst & dich für dein mißgeschick entschuldigst. es gibt sowieso keinen grund sich aufzuregen, hier im großen, weiten amiland. wem es nicht gefällt, der geht woanders hin. bis vor kurzem verdienten californier in california echt gut. jetzt ziehen sie nach colorado, weil das kurze leben im sauberen städtchen boulder kaum zu wünschen übrig läßt, was die bergluft & die sicherheit von schulkids angeht. sie kaufen die häuser der gegend, koste es, was es wolle, so daß die großen zeitungen genug zum schreiben haben, wie etwa die erstaunliche tatsache, daß die bäume in boulder im durchschnitt 39 jahre älter sind als im silicon valley.
riesige, schnellwachsende silberpappeln säumen die ruhigen straßen & schützen die holzhäuser der nachbarschaft vor dem strengen, wechselhaften wetter. im winter bei reichlich schnee brechen mannsdicke äste vom stamm & begraben die asbestigen pappschachteln. aus vorgärten huschen eichhörnchen die aufgerissene rinde der riesen hoch, um in windeseile sichere höhe zu erreichen. wenn nachts ein katzenartig befelltes tier deinen weg kreuzt, solltest du schauen, ob es groß genug für ein waschbär ist, oder 2 weiße streifen auf dem pelz trägt & einem skunk ähnelt. dreh dich dann ruhig um, bevor der kleine die kontrolle über seinen schließmuskel verliert. die elster, weniger diebisch als dreist, kommt bis an den frühstückstisch im garten hinter dem haus, wo wir mit justus im oktober in kurzärmeligen hemden sitzen & von den schneebedeckten spitzen der rockys träumen.
als ich nina zum ersten mal sah, hatte sie ihren kurzen, kräftigen körper in einer weiten latzhose versteckt, & ich konnte nur ahnen, wie es darunter aussah. bernd, der maler, der eigentlich in die antarktis wollte, um dort als koch zu arbeiten & zu malen, gab eine art abschiedsessen ohne abschied in seiner hütte in den bergen oberhalb von boulder. alle hatten etwas mitgebracht, reis, bohnen, gemüsecurry, couscous, salat, kuchen, käse, wein & caffee. bernd war etwas traurig. dennoch verzog er sein nordisches kinn zu einem lächeln. amiland ist ziemlich künstlerisch drauf. jeder malt oder will malen, oder kennt maler, oder filmt oder verkauft echte kunst. nina verkauft die dead shirts & lebt davon, nicht sonderlich luxuriös, aber sie lebt. bernd zum beispiel hat ein gesundes bein & gesunde schulden. er entschied sich, glücklicherweise noch in der lage dazu, für die gute behandlung, direkt nach seinem autounfall, & dirigierte den notarzt im krankenwagen zu einem hospital seiner wahl. mittlerweile ist das bein in ordnung & das konto angeknackst. bernd ist strohblond & gar nicht blauäugig. er hat die stimme von kermits vater & auch seine gesichtszüge. er hat kermits humor & seine schläue. was ihm fehlt, ist kermits bankkonto.
die abschiedsfeier verlief ruhig & peinlich, & ich war kurz davor, einen meiner alten fehler zu wiederholen & mich für 2 frauen gleichzeitig zu begeistern, um schließlich bei keiner von beiden zu landen. nina verschwand. ich suchte sie draußen in der kalten abendluft, stieg die holzveranda herab & blickte über die goldgelben aspenwälder bis in die ockerfarbenen plains. ich ging wieder in die hütte & schaute in den großen wohnraum, an dessen linker seite der lange tisch voll mit tellern, töpfen & gläsern & in dessen mitte der kleine ofen stand & den riesigen raum beheizte. ich suchte im keller, der als lagerraum für bernds bilder diente.
bernd malt mit den späten impressionisten & den frühen expressionisten. im untergeschoß betrachte ich steinblaue, weibliche körper, immer dieselbe frau, jedesmal anders, fast immer nackt, in großen, bildfüllenden ausmaßen, wie aus stein gehauen oder aus ton modelliert, & ich glaube, ein portrait wiederzuerkennen.
``bist du das¿` frage ich die latzhose mit dem bleistift im haar. sie fragt zurück ``das da¿` ich nicke. sie nickt zurück.
``& das da auch ? & das da¿` ``ne, ne, nur das eine hier, das bin ich.`` ``hab dich auf dem bild erkannt. bist du bernds ex¿`
die reibeisenstimme verschlägt mir den atem. einen satz hab ich vielleicht noch drauf, einen krieg ich noch raus, aber dann bin ich pleite. die latzhose lacht mich aus.
``ich bin nina, & du¿` ``nena? nena? ah, du bist nina! ich bin der michael.`` ``hallo.`` ``hallo.``
die latzhose schwingt ihre reibeisenstimme & läuft die treppe hoch in den großen raum. ich nehme mir alle zeit, die ich habe, um bernds galerie zu betrachten. die bilder sind gut gearbeitet, öl auf nessel, 30 mal 40 bis 100 auf 130 cm, in klaren, hellen farben, viele grundtöne, nix schrilles. ein frauenkörper, bernds ex, füllt den wesentlichen teil der bilder, groß, vereinfacht, in blaugrau, mit einer roten blume im haar oder im hintergrund. sie gefallen auf anhieb, bernds erdachte frauenkörper, sind reif & fruchtig & schmecken nach süßem saft, sind rund, ohne kanten, ohne zacken & laden ein zum anfassen. ganz im gegensatz zu collins bilder, die wild & aufgewühlt sind, wie der lockenkopf selbst, voller zweifel & immer auf der suche. collin ist groß gewachsen, mit einem blonden wuschelkopf auf dem schlacksigen körper & wachen, hellbraunen augen, die schnell & vorwitzig umherschauen. nach seinem informatikstudium an der n.y.c.u. arbeitet er im selben büro wie justus. collin ist immer für einen scherz aufgelegt, aber in seinem inneren nagt ein zweifel, frißt die lebensenergie & treibt ihn zur arbeit an, nachts in einem kleinen malstudio hinter der mapelton. dort fertigt er in exzesßnächten, vom fox nach hause geradelt, besoffen & bekifft, seine hyperexpressionistisch überbaute seelenschau, die wie eine therapie sein innerstes nach außen kehrt, in schrille, schroffe bilder. collin sucht seinen stil & hat ein bild von bernd im zimmer hängen, während bernd seine malweise gefunden hat & ein bild nach dem anderen produziert, immer das gleiche motiv, jedesmal ein wenig anders ausgearbeitet. mit einigem erfolg hat er bereits in denver verkauft.
ich interessiere mich für seine heiligenkästchen aus bemaltem holz, ohne heilige, eine art gruß an die vergangene zeit, & schaue dann nach nina im oberen raum. sie hat sich verkrümelt & will versteck mit mir spielen. das finde ich scheiße, ich bin kein sonderlich guter spieler, wenn es um liebe geht. anders beim geschäft, da kann ich spielend beinhart werden, aber wenn liebe auf dem spiel steht, vergesse ich meine guten vorsätze, verliere meine zahlreichen fähigkeiten, höre mir selbst zu, wie ich neben mir stehend dummes, unsinniges zeug aus meinem mund ablasse, werde rot bei einem scherz & unbeweglich, wie gelähmt oder hypnotisiert.
gegen abend kühlt die luft merklich ab hier oben auf 2200 m. wir machen einen tee. justus unterhält sich mit alexi über die möglichkeiten des mountainbiking, alexis lieblingsthema. er spielt bikepolo in der obersten amiliga & arbeitet ebenfalls als computerfachmann in boulder. von nina keine spur. sie muß gegangen sein. ich schaue zum giebel hoch & entdecke ein halbes geschoß weiter oben eine art schlafzimmer, kaum abgeteilt. ich steige die holztreppe rauf & schaue auf bernds gitarre neben dem großen futon. links steht nina & liest in einem buch.
``high.`` ``high.`` das bißchen reibeisen läßt mich verstummen. ``it's gettin chilly.`` ich laufe wieder runter, um sie irgendwie unten abzufangen, später vielleicht, wenn ich mich beruhigt habe & mein herz wieder im normaltakt schlägt, wenn meine sprache & mein verstand wieder funktionieren, & ich mich ganz normal mit ihr unterhalten kann. die andere maus, für die ich mich interessiert habe, ist bernds ex. sie verabschiedet ihn herzlich, schnappt sich ein kleinkind & geht zur veranda in die kalte nacht, um mit ihrer kiste 20 meilen bis nach boulder runter zu fahren. es riecht nach aufbruch. ich schaue verzweifelt nach nina. sie kommt die holztreppe runter & schaut mich an, so daß sich unsere blicke kreuzen.
sag jetzt nix, wenn du mich nicht lähmen willst. komm ganz langsam zu mir rüber & sag bitte nix.
nina schiebt sich geschmeidig den tisch entlang auf mich zu. ich kann ihren warmen, kräftigen körper spüren & sehe ihren nasenring im linken flügel auf einer weißen negernase über hellen, dicken negerlippen. ihr ganzer körper verströmt den stechenden geruch von bienenwachs, etwas herb & beißend, & etwas süß & dickflüssig. während sie ihre buschigen augenbrauen in der stirn zusammenzieht, mich erstaunt anschaut & dann lachend weitergeht, frage ich justus, ob er sie kennt. sie ist im eigenen wagen da. jeder, der es sich leisten kann, hat 1 oder 2 wagen in amiland, denn ohne wagen geht nix. wir kommen ins gespräch.
``yes.`` ``no.`` ``yes.`` ``no.`` ``I'm only here for another week.`` ``oh, that's too bad.`` collin kommt an & drängt sich mit einer blöden, sinnlosen frage in mein zartes gespräch, grinst mich breit an & zwinkert mir zu. sieht er nicht, was abgeht, der lange blödmann? ich will ihm schon das feld räumen, da dreht er ab & läßt uns beide weiterquatschen.
``yes.`` ``no.`` ``yes.`` ``no.`` die unterhaltung kommt langsam voran. ich versuche, mich nicht beeindrucken zu lassen von der reibeisenstimme mit dem bienengeruch, die mir ein paar zahlen diktiert.
``that's my number. just call me whenever you feel like it.`` diese nummer kenn ich schon.
an der ecke university & 13te, mit blick auf das brillig & den campus & die rockys, ist links das derey queen & rechts das expresso roma, beides college-kids-treffpunkte. im roma arbeitet annie, die ex von justus, wie alle, oder fast alle kids aus gutem haus, von beruf sohn oder tochter, mit den nötigen scheinen ausgestattet, für 4 dollar 50 in der stunde hinter der caffeekanne, weil das kurze leben nicht immer einfach ist. am 2ten abend in boulder sitze ich mit einem großen, heißen prince of wales an der 13ten & schaue den kids beim rumlungern zu. mit 17 aus der highschool ins college, mit 18 das 2te auto von dad & mit 23 fertig für den ernst des knappen lebens. die mädels sind glatt rasiert bis unters kinn & tragen leichte sommermode durch den regen, betont europäisch. die jungs haben kurze, weite hosen an, die bis zu den waden gehen, karierte baumwollhemden vom großen bruder & sind tätowiert oder gepierced mit ringen in den ohren, nasen, augenbrauen, im bauchnabel, in der lippe oder an stellen, an denen mir die vorstellung alleine schon schmerzen bereitet. annie arbeitet heute abend nicht, aber hannah, ihre freundin dänischer abstammung, mit dunklen, halbkurzen haaren, dunklen augen, fleischigen, roten, immerfeuchten lippen & 2 händen zum eisenbiegen.
ich stehe in der schlange für eine neue teefüllung & verliebe mich in mein eigenes spiegelbild. über eck reflektiert es mich zum erstenmal so, wie mein gegenüber mich sieht. ich bin verwundert & überrascht, kann mich nicht von dem fremden lösen, der mich aus der ecke anstarrt. vielleicht bin ich auch einfach nur breit.
``you want another one¿` ihre augenbrauen gehen hoch. ``oh yes please, this one here.`` ich deute auf die fliederfarbene packung in der glasvitrine.
``how much is that¿` ``nothing, that's o.k.`` sie hat mich doch tatsächlich eingeladen, & ich erkläre mich bereit, ihr meine ansichten über die fladenförmigen kuchenstücke auszubreiten, die auf dem tresen zum verkauf ausliegen, von nina gebacken.
``weißt du, an was die mich erinnern¿` ich deute auf die handteller großen, bräunlichen haufen, trocken & körnig für 1 dollar 20. ``die sehen nicht gerade appetitlich aus. bei uns wäre puderzucker drauf, oder irgend was, um eine verwechslung auszuschließen.`` hannah versteht nix.
``die dinger sehen ein bißchen aus, als hätte sie jemand auf der straße aufgesammelt, während er hinter einer kuh herging.``
sie gibt mir wortlos meinen prince of wales, & ich setze mich wieder vor die hütte & schaue dem regen beim fallen zu.
im nachbarhaus haben die bullen vor 2 monaten eine wache eröffnet, mit einweihungsparty zum kennenlernen, auf anforderung der geschätzten geschäftswelt, befürwortet von hannah & freunden, denn die sicherheit wird mit sicherheit groß geschrieben. die schwarzen sheriffs, die hier weiß sind & schwarz gekleidet, treiben auch tatsächlich ein paar gesetzesbrecher auf, eine gruppe 16jähriger highschool-kids, die öffentlich mit leeren bierdosen gespielt haben sollen. ein schwarzer minivan mit 7 kids vollgestopft, alle in handschellen, hält vor dem kleinen revier, & die beiden hauptamtlichen hilfssheriffs führen die gruppe durch den regen in den einstöckigen betonkasten. ordnung muß sein. weiter unten vor dem tulla & dem fox stehen junge leute & unterhalten sich über die bands, die drinnen spielen & darüber, wer mit wem schon wieder oder nicht mehr zusammen ist.
hannah räumt das roma auf, putzt die caffeemaschine, zählt die essensmarken & richtet alles für die frühschicht, während ich draußen darauf warte, daß nix passiert. sie kommt raus & gibt mir einen kassenzettel, mit ihrem namen & ihrer telefonnummer.
``ruf mich an, wir können was zusammen machen, essengehen oder spazieren, oder so was in der art.``
als ich nach 3 tagen wieder ins roma komme, kein anruf von hannah & unter ihrer nummer nix als die männliche ansage ihres anrufbeantworters, gebe ich ihr den zettel zurück.
``hat irgendwie nicht funktioniert, danke trotzdem.`` mittlerweile weiß ich, daß die 2te füllung sowieso umsonst ist, pay 1 get 2, 1 4 2. mal sehen, was ninas nummer bringt.
in jedem, oder fast jedem laden, der größer ist als ein kleinbus, spielt 3mal die woche eine band oder es hängen bilder zum verkaufen aus, oder beides. im fox spielt jeden abend eine der abertausend amibands den steilen weg ganz nach oben, eine hoffnungsvolle formation, die überwiegend covert, mit einem aufregenden sänger & einem sologitarristen, der, wenn sein part dran ist, an den bühnenrand kommt, genüßlich seinen kopf in den nacken legt & dem verehrten, andächtig lauschenden publikum zeigt, wo der hammer hängt, indem er sein brett nach allen regeln der kunst belästigt & beackert, bis auch der letzte im saal diese glänzende karriere deutlich vor augen hat. im roof caffee wird country gespielt, ein langhaariges trio, langatmig mit gitarre, stimme & trompete, hausbacken & selbstgemacht. auf der mall, der backstein bepflasterten fußgängerzone, 30 m breit, an beiden seiten mit 2stöckigen souvenierläden im wildweststil bebaut, in der mitte mit bänken, blumenkästen & bäumen ausgestattet, steht alle nase lang ein self-made-musician mit einer mandoline, einer geige, einem harmonium oder einer steeldrum. vor dem french caffee sitzt ab 10 oder 11 uhr ein alter, dicker schwarzer auf seinem verschlissenen stoffkissen den tag ab & probt strangers in the night oder eine der anderen, ganz großen nummern auf seinem frisch geputzten sax. nach all den jahren, die der schwarze im weißen boulder auf dem buckel hat, nach all der ganzen, guten bergluft & den netten travelern, nach unzähligen strangers in the night am hellen tag, hat er seine leitern einigermaßen drauf. er läßt sich nicht nehmen, den anfänger zu mimen, als ob er jeden ton einzeln sucht, ihn aus einem großen sack voller töne herausholt, ihn geduldig aufpoliert, ihn lange, lange anschaut, um ihn dann wieder in den sack zu legen, gut verschnürt bis zum näxten mal. er spielt kein 120er tempo, auch kein 60er tempo, er spielt den 12er oder 8er schlag, ohne eile, ohne mühe, mit der zeit des rentners auf der parkbank, bläst seinen hit in die laue luft von boulder, manchmal umringt von einer aufgeregten gruppe weißer mitt50erinnen, die ihren herbst & den winteranbruch mit ein bißchen live gespielter musik herauszögern oder ihre enkel an der c.u. besuchen.
den echten freeclimber oder den mountainbiker interessiert das nicht. er hat seine ausrüstung, all outdoor gear, im morgengrauen zusammengepackt, ein letztes mal die karte gecheckt, ist den weg im geist abgeschritten & macht sich lange, bevor boulder erwacht, auf, um die natur & sich zu testen. unter der verspiegelten sonnenbrille & durch modernste textilfasern geschützt, die ihm allen erdenklichen komfort gewähren, atmungsaktiv, wasserabweisend, luftdurchlässig, hitze- & kältebeständig. mit einer flasche isotonischem mineralgetränk im gepäck schaut er in die zukunft, die augen zusammengekniffen, als wolle er weit in die ferne blicken, entschlossen seiner selbst gestellten aufgabe entgegen. wenn er zurückkommt, falls er zurückkommt, hat sein körper einen hormonschub geleistet, der sterbliche naturen oder schwächere leute schlichtweg ins grab bringen würde. aber seine farbenfrohe, weltraumerprobte ausrüstung & sein starker wille ermöglichen ihm das unmögliche.
als collin & bernd letzten sonntag in die rockys zum wandern aufbrachen, von 1800 m bis auf 3200 m hoch, auf anraten von justus ohne zelt - ``was wollt ihr denn damit, ist doch nur gewicht.`` - wachten sie am montag morgen auf 3000 m in der nähe des devils lake in einem alten, verlassenen goldgräberstädtchen auf, begraben von 25 cm weißem, kristallinen pulverschnee, der die nacht über leise & heimlich gefallen war. ihre outdoor-ausrüstung & ihr wille verhinderten schlimmeres.
ein paar tage später wandere ich mit justus im selben gebiet. wir beginnen auf 2600 m. an einem sandigen fleck parken wir den wagen, um bei schönstem herbstwetter in den shugar canon hinabzusteigen. die tiefstehende sonne scheint harmlos auf die handvoll wanderer, die sich hierher verirrt hat, mit ihren großen pickups, die ladefläche aufgeklappt & den burger im freßloch. wir klettern den steil abfallenden fels entlang in den canon, fast 200m senkrecht bergab. unten fließt der greek diesseits der continental divide richtung osten an boulder vorbei, über dicke hausgroße felsblöcke, über wasserfälle & durch jahrtausende alte steinbassins. wir klettern & waten durch das eiskalte, schnell fließende wasser, justus vorneweg, ich hinterher, balancieren über fischglatte baumstämme, springen über bemooste steine & tasten uns dicht an der steinwand entlang. auf einem flachen felsvorsprung sonnt sich weit vor uns ein junger mann, einsam vom rauschen des wassers begleitet. er liegt auf der anderen seite des greek, weniger als 30 fuß von uns entfernt & räkelt sich genüßlich in den letzten strahlen der nachmittagssonne, die ihr licht hier unten viel früher zurücknimmt, verdeckt durch die steil aufsteigende, harte felswand. als wir näher kommen, sehe ich, daß er nackt ist. er reibt sanft an seiner gurke, die ihm in der hand zur vollen größe reift, schaut verstohlen zu uns rüber, sehnsuchtsvoll & verwundbar, geschützt durch den vorhang des rauschenden wildwassers, der tiefen furche des schnell fließenden greek. die kraft des baches, die gewalt der starren felswände, die macht des dunklen waldes & eine erinnerung an die frühe kindheit lassen mich eine aufregung verspüren, die meinen körper erfaßt & wie einen heilenden schmerz erfüllt. wir klettern die felswand hoch, wo oben der rostige blaubraune kombi von justus geduldig auf uns wartet, um uns nach boulder zu bringen.
am abend nach bernds abschiedsfeier fahre ich in seinem toyota mit nach unten. er hat den wagen für ein paar essensmarken nach einem überschlag gekauft & ihn vollständig bemalt. weißes punktmuster auf dunklem grund, federn an den deckenpolstern, steinchen an den fensterrahmen & ein hüftknochen als schaltknüppel. wenn alles schiefgeht & er nicht in die antarktis kann, will er den wagen in new orleans verkaufen. dort hat er vor 2 jahren als koch gearbeitet. die bremsen gehen nicht einwandfrei & die lenkung hat viel spiel. in boulder setzt er mich bei justus ab, & wir diskutieren die ganze nacht zu dritt bei ein paar echten schultheiß über das leben, den außerirdischen & die runde, sich drehende erde.
am anderen morgen das übliche. justus wartet nervös auf einen anruf von der firma, die ihm ziemlich bald einen ziemlich großen job in aussicht gestellt hat. wir frühstücken im garten hinter dem 2stöckigen holzhaus in der grove street, unter 2 alten silberpappeln, neben tomaten & bohnenpflanzen, links die alte witwe & rechts die neuankömmlinge aus california mit 3 autos. es gibt bagels mit cream cheese & tee, crunchies, obst & schwarzbrot aus dem saveways.
die denver post berichtet über 3 tote gi im somaliakrieg, der hier restore hope heißt. kein sterbenswörtchen über die namen der toten, den wohnort oder das alter, nur tiefer schmerz über den verlust der americanischen boys. die dazu passende tages-quiz-frage von cnn lautet: wieviele amis starben bisher im somalia krieg? die auflösung kommt in den spätnachrichten.
ein captain sowinoch macht die presserunde. ausgemergelt & eingeschüchtert, wie ein verletztes tier, schaut er wirr in die videokamera, auf einem bett liegend, mit schweiß- & dreckflecken auf dem schwarzen t-shirt, die nicht mit einem vollwaschmittel raus zu kriegen sind. aus seinem blutverkrusteten 3tagebart stottert er langsam seinen namen & sagt ein paar sätze über einen nicht immer gerechten krieg, sätze, die ihm die somalis in seinen gefangenen mund legen, als gegenleistung für seine freilassung, nachdem sie der presse das band zugespielt haben. von den 3 zeitungstoten, die wirklich tot sind, fehlt jedes bild. amiland trauert um die unbekannten amis, die jungs aus der weiteren nachbarschaft, amiland ist groß.
zur gleichen zeit tobt im weißen haus der bisher letzte machtkampf des neuen präsidenten mit der alten garde. der präsident kennt kein pardon & läßt nach ablauf eines ultimatums seine panzer auf das parlamentsgebäude schießen, in dem der letzte trupp der volksdeputierten sich standhaft weigert, das gebäude zu räumen. seit mehr als 2 jahren regiert der präsident mittels verordnungen & erlassen aus seiner feder das land auseinander, ändert die erlasse, wenn sie nicht durchführbar sind, verkündet schnellere reformen & langsamere reformen & zerstört die alte kommandowirtschaft der einstmaligen sowjetunion oder was davon übrig ist, wo er nur kann. moskau kennt ihn wieder, den club der millionäre, & der präsident bittet das ausland gnädigst um wirtschaftshilfe, während dort eine verteilungsschlacht ausgebrochen ist, die sich nur um die schulden dreht, so daß eingriffe in die reste der planwirtschaft augenblicklich wenig lohnend erscheinen. die toten des gefechts werden in reihen aufgebahrt & nach gut & böse sortiert. die einen ins töpfchen, die anderen ins kröpfchen. die im kröpfchen, die verlierer, hatten versucht, ausgerüstet mit ein paar handfeuerwaffen, eine ganze staatsmacht zu bezwingen, von der sie freilich nicht angenommen hatten, daß deren demokratisch gewählter führer so schnell kurzen prozeß machte & das ehrwürdige weiße haus zusammenschießen ließ, während der rest der stadt & das übrige land kaum notiz nahm von der ballerei im parlament. sie besetzten, um eine staatsmacht zu übernehmen, das parlament. sie dachten, dort liege die macht. dabei weiß doch jeder, oder jeder halbwegs gebildete mensch, daß im parlament nix weiter als geredet wird. manche schreiben auch mal was auf.
``we didn't have to get in, but once we're there we've got to do the job. we can't just piss off like in the gulf war¡` amis sind überall dort zuständig, wo sie sich zuständig fühlen, weil sie die mittel haben, ihre zuständigkeit aller welt zu verdeutlichen.
in moskau reicht die zuständigkeit erstmal nur für eine coca cola-abfüllanlage & einen mc donald, ebenso wie in saigon. die weltgrößte kriegsmaschinerie brachte es spielend fertig, innerhalb von 3 monaten für eine halbe million männer jeden tag eiskalte cola, dampfende hamburger & filterkippen in ausreichendem umfang in die heiße wüste des 2stromlands zu karren. was übrig ist von dieser mammutschau wird augenblicklich über restjugoslawien abgeworfen.
© m.k.
Michael Kloeckner Radio Radieschen 2002-01-22