anfang dezember schlendere ich über den kai von pointe-à-pitre. auf guadeloupe ist herbst oder winter oder sommer oder frühling. so nahe am äquator macht das kaum einen unterschied füer europäer. mittags ein bißchen regen & ansonsten schnellfliegende wolken am feuchten himmel. die linienbusse starten in die 2 flügel der schmetterlingsinsel von 2 plätzen aus, hinter der post richtung basse-terre & am hafen richtung gosier. die schlepper versuchen, ihre karren voll zu kriegen. alle gleichzeitig. sie überfallen jeden, der vorbeikommt, & brüllen in abgehackten wortfetzen die namen der städte, an denen die fahrt vorbeigeht, in den winzigen, dieselverqualmten, caribischen hafen. schwitzend warte ich auf einem klebrigen sitz, daß sich der bunt bemalte röstofen füllt. wie ein gewitter bricht unruhe aus. männer verlassen einzelne wagen, um in andere einzusteigen. weit geöffnete augenpaare versuchen einzuschätzen, welcher bus am ehesten voll wird. nervös streiten sich die schlepper um jeden fahrgast. die busse sind bis unters dach beladen. während die letzten passagiere im laufen versuchen, einen der schwankenden brutkästen zu besteigen, starten alle gemeinsam & bestreiten 200 m weiter in der rue du bouchage ein 20minütiges hupkonzert. durch das winzige nuttenviertel, aus holzbrettern gezimmert, fahren sie nach gosier & verteilen sich dann langsam auf die grünen, steil über das meer ragenden hügel. hält einer an, um passagiere aufzunehmen, überholt ihn der andere & umgekehrt.
3 fährlinien richten den inselverkehr zwischen den französischen antillen aus, alle, oder fast alle, morgens um 8 uhr. & da kein schiff ausgebucht ist, gibt es leere plätze, leere kabinen, stuarts, die rumstehen, & pro fährgast mindestens eine weißgekleidete schiffscharge. wenn du die kabine nicht zahlst, auch wenn sie frei ist, bleibt sie eben leer, & die linie fährt verlust ein auf der strecke, solange, bis sie selbst oder die konkurrenz pleite geht.
der sozialismus erzeugt dominoartige unterkapazität & chronische überbelegung. die busse sind, wenn sie überhaupt fahren, überfüllt & kommen unpünktlich, zu spät oder gar nicht. seit die perle der caribic alles in welttauglichen scheinen zahlen muß, wird sogar das salz im meerwasser knapp. um einen platz von la habana nach santiago de cuba zu kriegen, mußt du eine woche anstehen oder schmieren. & genauso wie der flieger, der jeden cubaner für ein stück seife einmal längs 1100 km über die insel fliegt, kostet der bus fast nix, falls ein ticket aufzutreiben ist. ansonsten heißt es geduldig abwarten, ob die kollegen von der transporteinheit genügend öl & sprit aufgetrieben haben, damit die guagua nicht nach wenigen km liegenbleibt.
zwischen mahaut auf der westseite des westlichen flügels von guadeloupe & pointe-à-pitre oder kurz p-à-p, auf der strecke, die durch das grüne, farnbewachsene, 800 m hohe gebirge führt, lasse ich den bus aus & trampe, meinen proviant in einer plastiktüte & mein handgeschriebenes lieblingsbuch, meine aufzeichnungen & stichworte, meine hetztiraden auf die katholische kirche & das immerfalsche gesellschaftssystem in der hand. unter mir bläst der wind das helle meer gegen die felsen. ich stehe an der steil aufsteigenden abzweigung der d23 von der n2. neben meinem daumen hält ein weißer minivan mit 5 schwarzen & einer ladung prospekte eines möbelhauses. ich steige ein, setze mich mit dem buch als unterlage auf die geriffelte ladefläche zwischen 2 papiertürme. der himmel mischt weiß und blau durcheinander. wolkenschatten huschen wie riesige, vorzeitliche tiere über uns hinweg. wir fahren an alten, mit kletterpflanzen bewachsenen bäumen vorbei, halten am nationalpark & fahren wieder runter bis nach petit-bourg, wo wir einen der kumpel absetzen. ich will bis nach p-à-p mitfahren. der minivan setzt mich direkt am hafen an der place de la victoire ab.
zuerst in den supermarkt, um mir für heute abend ein stück in plastik eingeschweißte, vergorene milch zu leisten. ein schwarzer, dürrer wachmann am drehkreuz, in offiziellem dunkelblau mit dunkelblau getönter sonnenbrille, nimmt meine tüte entgegen & legt sie in einen der roten plastikkörbe. dann schaue ich bei einem reisebüro vorbei, um mich nach flügen zu erkunden, die mich nach martinique bringen. die schnepfe will, wie üblich in reisebüros, nur ein hinflugticket verkaufen, wenn ich auch die rückfahrkarte buche. ich gehe direkt ins büro der fährlinie. keine kreditkarten, also muß ich erst nach hause zu raimonds kleiner hütte zwischen p-à-p & gosier, kaum 100 m vom wasser entfernt, am einzig unbebauten, weil häßlichen strand der insel, ruhig & abseits.
ich steige in den bus ein, der mir am vollsten erscheint & warte nicht 20 minuten, sondern eine halbe stunde, & als wir losfahren, bemerke ich im nuttenviertel, daß ich nix in der hand halte als die plastiktüte mit ein paar bananen & dem käse, kein manuskript, keine aufzeichnungen, nur den kuli. ich springe sofort raus, laufe die 300 m zurück zum hafen & zwänge mich durch die steckengebliebenen busse an den marktfrauen vorbei, die obst, gemüse, unterwäsche & haarbalsam direkt am kai verkaufen, springe in den supermarkt & erkenne den schwarzen dobermann mit sonnenbrille wieder, der meine tüte entgegen genommen hatte, als ich vor einer knappen stunde hier war, um einzukaufen.
``j'ai eu avec moi quelque chose, monsieur, un livre ou quelque chose¿` er bleibt ruhig, wirkt gelangweilt. ``mais non, monsieur, vous n'aviez que le sac, monsieur.``
wie ein kleiner pinscher belle ich ihn an. meine stimme wird hell & brüchig. ``mais, un livre, j'avais avec moi un livre¡` er schaut über mich hinweg, als wäre ich nicht da. ``non, non, monsieur, seulement le sac.``
scheiße, ich idiot hab das manuskript im minivan liegen gelassen, oder täusche ich mich, war ich zuerst in der fährlinie oder zuerst im reisebüro, scheiße, ich altes arschloch, ich vollidiot, so saudumm darf einfach kein mensch sein, der sich vornimmt, ein paar zeilen aufzuschreiben. das reisebüro ist zu, das büro der fährlinie leer, bis auf einen typen, der putzt & freundlicherweise den laden im halbdunkel absucht. nix, kein buch. ich idiot, ich dünnbrettbohrer, das buch, ich hatte es im minivan als sitzunterlage benutzt, weil die ladefläche so scheiß hart war, & ich dachte noch, du mußt das buch nachher mitnehmen, vergiß das buch nicht. ich zähle mein bares nach, scheiße, ganze 11 ff 90. der bus p-à-p gosier, wo der kreditautomat der post möglicherweise meine karte akzeptiert, kostet 6 ff. ich laufe zum office du tourisme & versuche dort mein glück.
``madame, j'ai un problème.`` rufe ich noch in der türe & erkläre in einer französisch klingenden sprache umständlich meine geschichte.
``mais je ne sais pas ce que je peut faire pour vous monsieur.``, sagt eine 40jährige hinter dem teuren holztresen im gut gekühlten büro aus ihrer touristikuniform. ihre dunkelblaue melone ist mit einem goldrand verziert. ``un moment ...`` sie hebt den hörer eines telefons ab, um einen standardspruch über die fährverbindungen wie vom band runterzuleiern. sie rückt die melone zurecht & wendet sich wieder an mich.
``oui, je ne sais pas¡` ich erkläre ihr, daß die jungs aus dem minivan einen prospekt verteilt haben für ein möbelhaus, & mache mich selbst auf die suche nach dem papier. 3 straßen weiter an der rue achille renè boisneuf finde ich einen möbelladen & erzähle von meinem unglück. ein verkäufer zeigt mir einen prospekt. das könnte er sein, das gelb & der blaue rand. wann kam der hier rein, kam der heute an, ne, ne, der ist schon eine woche alt. ich schnappe mir das faltblatt & laufe die strecke zurück zum hafen, am markt vorbei zum tourismusbüro.
``madame, madame, j'ai trouvè le prospectus`` ``ah bon, & maitenant¿` ``il faut trouver les gents qui ont fait le prospectus¡` sie widerspricht mir. ``non, non, il faut appeler au magazin de meubles¡` auf einer ecke des papiers finde ich kleingedruckt eine telefonnummer.
``vous pouvez appeler ce numero ici¿` sie wählt. ``bon, je vais voir ... allors ici parle le buro du tourisme ...`` sie erzählt meine geschichte & reicht mir das telefon. ich versuche es auf englisch. am anderen ende spricht eine sanfte stimme zu mir, colette, nur aushilfe. oh, sie kennt den typ, der für die verteilung zuständig ist. mr gaydi, wie buchstabiert man das, gaydu, hier ist seine nummer. er ist augenblicklich nicht zu erreichen, ich soll in einer stunde nochmal anrufen. ich bedanke mich höflich bei colette & bei der dunkelblauen uniform & nehme den bus nach gosier, wo der postautomat anstandslos 300 ff ausspuckt. wenigstens das. ich leiste mir erstmal ein süßes stückchen kokoskuchen, um den magen & die nerven zu beruhigen. ich fühle mich niedergeschlagen.
gosier ist eine hotelfestung, die gesamte küste für hausgäste aus dem mutterland reserviert, eine bungalowsiedlung neben der anderen. 3stöckige schuhkartons wechseln mit kleinen parkanlagen vor schmalen, weißen sandstreifen mit hellblauem, warmem salzwasser. im schatten der palmen schlafen junge französinnen angestrengt bis tief in den nachmittag hinein, barbusig, schlank, von ein paar schwarzen klamottenhändlern umgarnt. jede minibucht hat ihr eigenes gästegemisch. es gibt den familienstrand, den altenteil & den weitaus wichtigsten & größten strand voll von jungen, amüsierfreudigen französinnen, in 2er- oder 3er-grüppchen. die wenigsten haben ihren eigenen lover aus der heimat mitgebracht.
mir ist nicht nach vögeln zumute. ich nehme den bus zurück nach p-à-p, vorbei an grande-baisse & seiner ahnungslosen bucht, vorbei an raimond, meinem blinden zimmerwirt, vorbei am nuttenviertel bis an den hafen. ich wähle die nummer von monsieur gaydu. keiner hebt ab. ich rufe colette an. sie sagt, gaydu wäre gerade dagewesen. ich solle es später nochmal probieren. die schlange hinter meiner zelle löst sich langsam wieder auf, als ich deutlich meine sachen auf dem telefon ausbreite, als wolle ich einen laden eröffnen. ich versuche es nochmal bei gaydu, probieren geht über studieren. er hebt ab.
``monsieur gaydu, monsieur gaydu ...`` ich erzähle ihm meine geschichte, & es sieht aus, als sei er der mann, der die prospektverteilung regelt.
``ich will sehen, ob ich meine leute heute abend noch sehe, sie sind gerade unterwegs. kann ich sie anrufen¿` ich gebe ihm die nummer von raimond.
``so gegen 9 oder 10 heute abend.`` ``vielen dank monsieur gaydu, vielen dank.`` ich habe wieder hoffnung für den kommenden tag & fahre nach grande-baisse zu raimond, der wie üblich hinter dem tresen seiner einstöckigen hütte sitzt, eine hand im schoß, die andere auf der theke, die leeren, grauen augen den mücken nachstarrend, zur decke gerichtet, seine brille auf der nase & die braune baskenkappe auf dem kraushaar. als ich hereinschlürfe, steht er langsam auf, nimmt einen orangenen lappen & wischt sachte über die leere theke.
``es kann sein, daß mich jemand anruft.`` sage ich ihm. ``ich hab was in p a p vergessen, & ein herr will mich anrufen.``
raimond zeigt sich nicht beeindruckt. ``kein problem, ich bin hier & rufe dich, wenn das telefon klingelt.`` ich gehe in mein 8 qm großes zimmer, ein bett, ein tisch, ein stuhl & ein ventilator, unabdingbar im subtropischen klima. die luftbewegung dient nicht nur der kühlung der haut, die rund um die uhr schwitzt. sie verhindert durch den ständigen zug, daß die unzähligen, winzigen stechmücken beruhigt landen können & ihren widerlichen, hauchdünnen saugrüssel in menschenfleisch stechen. als ich gerade ins bad gehen will, klingelt das telefon.
``ich komme, ich komme ...`` brülle ich, bevor raimond nach mir gerufen hat.
``c'est pour vous¡` auf dem sauber gewischten tresen steht das schwere bakalittelefon mit dem hörer nebenan abgelegt. es ist gaydu, der sich irgendwie meiner angenommen hat. er will sehen, was er machen kann, heute abend wird es sicher nix mehr, aber morgen gegen 9 soll ich unter der gleichen nummer in seinem büro nochmal nachfragen.
``o.k. monsieur gaydu, morgen früh um 9, morgen um 9 also.`` ich schlafe die nacht sehr schlecht. es ist vollmond, mein schiff fährt übermorgen abend & vom buch keine spur. es ist nichtmal sicher, ob gaydu der mann ist, den ich suche, ob er den prospekt ausfährt & ob seine jungs das auto nicht samt meinem buch gereinigt haben. am anderen morgen gehe ich um 8 an den strand, um ein paar schritte in den warmen sonnenstrahlen am silbergrauen wasser entlang zu machen. raimond ist schon lange auf. er schläft mit dem mond & wacht mit der sonne auf. um 9 uhr bin ich am telefon. monsieur gaydu war im büro, ist aber schon wieder weg, nein, er hat nix von einem buch gesagt, so gegen 10 kommt er vielleicht wieder. ich gehe betrübt in mein zimmer. die gute arbeit umsonst. alles vorbei. ich dünnbrettbohrer.
ich werde nie schreiben, niemals, wenn ich nicht imstande bin, auf meine eigenen aufzeichnungen aufzupassen, die mir anscheinend weniger bedeuten als eine tüte bananen. es ist im übrigen nicht das erste manuskript, das ich verliere. nur war es das bisher umfangreichste. 50 seiten echte geschichte, erlebt, erinnert & aufgeschrieben von einem echten menschen, nicht zum vergnügen der großen verlagshäuser oder der feuilletonisten bedeutender tageszeitungen, sondern alleine um der wahrheit genüge zu tun, um geschehnisse, die sich so & genau so zugetragen haben, für dich, meinen engel, aufzuzeichnen.
das telefon klingelt. es ist für mich. monsieur gaydu hat das buch gefunden, ich umarme ihn am telefon, küsse ihn geistig, habe tränen in den augen, kann es kaum glauben & habe es gleichzeitig gehofft, erahnt, gewünscht, von den außerirdischen verlangt, von den unzähligen, nicht existierenden außerirdischen aller religionen der runden, sich drehenden erde gefordert & erhalten, nicht aus gnade oder gerechtigkeit, nicht weil ich aufrichtig lebe oder buße tue, nicht weil ich gottesfürchtig bin oder weil der erdball ein herz hat, sondern weil ich, wie der mountainbiker in den bergen, wie raimond beim verhandeln des preises für sein zimmer, wie meine mutter bei meiner erziehung & wie alle menschen, die ein ziel vor augen haben, meinen willen & meinen verstand gebrauche, um die nötigen schritte zu planen, die mich stück für stück dem näher bringen, was ich mir vorstelle. alleine darauf kann ich mich verlassen & auf die außerirdischen, die mir nach wie vor wohl gesonnen sind & mich in ihr unendlich großes, unermeßlich reiches, erdumspannendes einheitsherz geschlossen haben. natürlich.
© m.k.
Michael Kloeckner Radio Radieschen 2002-01-22