ich kann geld essen. na klar, geld kann ich essen. ich esse an jeder ecke einen 50er weg oder einen 100er, wenn du willst, na klar mann, gib mir die lappen, dann kann ich dir es zeigen, oder 30 vielleicht oder wenigstens 10. vielen leuten ging es ausgesprochen schlecht, wenn geld nicht zum essen taugen würde, im gegensatz zu denen, die bereits jetzt mächtig in der tinte sitzen, weil nur besondere essensmarken was taugen, von denen sie augenblicklich echt wenig in der tasche haben. bob marley, der alte, tote bob marley, hat sich versungen, oder er hat es gemeint, wie er es gesungen hat. much money no cry, much money no cry. ich esse auch auf der stelle einen 200er weg oder mehr, zu 2t geht das prima, oder zu dritt.
& zu 4t können wir schon richtig was rund gehen lassen, so wie die jungs, die in einer seitenstraße der windward um ein rostiges faß stehen, auf das in hüfthöhe ein brett aufgebockt ist, & das alte mensch-schmeiß-ihn-raus spielen, mit 2 würfeln & dem 2erblock. nebenan auf der haube eines alten datsun, keine 2 schritte entfernt, wird gepokert, um dollars, jamaican dollars, & im caffee an der ecke zur windward geht beim dominospiel bargeld um den tisch. die 4erbande rollt die klötzer, schüttelt sie bestimmend, beschwörend, abwägend, fragend, um im richtigen augenblick die geschosse weit vor dem brett zurückzuziehen & die würfel im freien flug segeln zu lassen, so daß sie laut am anderen ende der bande aufschlagen, wo sie durch die umgewandelte kraft wieder zurückspringen & nach wirren kreiselbewegungen ihre augen in den mond richten.
ein schlaksiger, junger kerl, vielleicht 14 jahre alt, packt ein abgewetztes tablettenröhrchen in die wurfhand. mit ringfinger & daumen fährt er zu den zwillingen auf dem spielfeld, den anschub von der hüfte in den arm weiterleitend, greift mit zeige- & mittelfinger die zufallsklötzer wie eine spinne & sackt sie klick-klack in den becher. er beschwört alle außerirdischen, die er kennt, schiebt mit der freien hand seine baseballkappe 2mal um den kopf, zischt ein paar worte & stößt den becher senkrecht auf den tisch. im letzten augenblick, um ein foul zu verhindern, zieht er das blech kurz vor dem harten aufschlag zurück. die 4ecke tanzen ausgelassen tobend über alle teile des spielfeldes, bis schließlich einer der 2 holzbrüder selbständig & leichtfüßig über den brettrand an mir vorbei unter dem pokernden datsun auf dem asphalt verschwindet. ich husche nach unten, raffe ihn auf & werfe ihn schnell wieder ins feld. alte münzen flitzen übers brett & jagen sich gegenseitig, bis einer ihrer besitzer den holztisch anhebt & die scheinchen einsteckt, die alle, oder fast alle, vorher hier unten gebunkert hatten.
ich verspüre keine lust, ein spiel zu wagen, auch wenn ich dabei gewinnen kann. ich bin von haus aus gut gelaunt & gebe nicht gern was her, wenn es um alles, oder fast alles geht. ich zahl nix fürs vögeln & würde am liebsten überhaupt nix zahlen, nix fürs spielen, nix fürs essen, nix fürs taxi oder für klamotten & nichtmal was für den busfahrer. ich bin von haus aus geizig & vertrete die einstellung, alles sollte umsonst sein, zur freien verfügung, eben materialfreiheit, wie es der baumeister zu nennen pflegte, absolute, uneingeschränkte materialfreiheit, geplante, geordnete, verordnete, rationelle materialfreiheit. alles was es gibt, ist sowieso schon da. wer hätte etwas davon, ein stück papier zu tauschen? was macht das für einen unterschied, ob ich ein essensmärkchen habe, oder nicht? der unterschied ist ganz einfach der, daß ich ohne die klausbunten zettel anscheinend kaum was in die finger kriege, weil eben keine materialfreiheit herrscht, diese ordnende mutter aller dinge, die ihre kinder nie vergißt, weil alle, oder fast alle, für sie arbeiten, wenn die alte nicht mehr kann, so wie die für ihre kinder & ihre alten gearbeitet hat, als sie noch konnte, wollte oder mußte.
der rum ist bereits gebrannt, das zuckerrohr gekocht, das feld geerntet, der setzling gehegt & der samen ausgesät. wieso scheine tauschen, bevor ich ein auto besteige, im zeitalter der elektronischen scheckkarte. die richtigen zettel, die wichtigen zettel sind nichtmal mehr luft. sie sind nix weiter als ein paar ladungsunterschiede auf einem leitenden kristall, nichtmal mehr molekülgroß, die reine information, welle & teilchen zu gleich, oder eigentlich nur ein punkt auf einem weißen blatt papier, von denen es fast unzählige gibt. die bankräuber von heute, die mit stil & verstand arbeiten & ihr handwerk verstehen, haben weiße westen & saubere finger. sie sitzen an strahlungsarmen bildschirmen & verändern die richtung von informationen, ausgestattet mit einem freien willen, den niemand, echt niemand zu irgend etwas zwingen kann.
andererseits kenne ich 5 schlagende argumente, die mich leicht von allem möglichen überzeugen, aufgrund meines freien willens, dessen alleiniger meister & gebieter ich & nur ich ganz alleine bin.
ich laufe die windward in richtung kingston bis ecke mountainview, wo ein soundsystem auf dem dach eines 2stöckigen hauses aufgebaut ist. unten auf dem grund der tatsachen, auf dem lehmigen boden vor dem haus, verkaufen die straßenhändler aus kleinen karren alles für die nacht, die wie jede nacht gerade erst begonnen hat. ich steige die breite steintreppe hoch, steige durch eine herbe wolke pflanzendampf in den ersten stock & weiter bis zum zweiten, dessen dachterrasse als 150 qm große tanzfläche dient, auf allen 4 seiten durch eine brusthohe mauer eingeschlossen, mit einem 3 m breiten vorsprung zur straße hin. kurz vor der bar habe ich meinen touriführer kennengelernt, der mir alles besorgen will, was ich für diese spezielle nacht speziell brauche.
``réspect man, buy me a beea, man¡` das gute red stripe wird hier für eine essensmarke ausgegeben, für die ich auch reichlich sticks einkaufen kann. draußen wummert der laute, langsame reggae & erfreut mich mit dem immerguten, verspäteten peter tosh: I shall sing, as long as I live, as long as I live, I shall sing.
ich frage den dicken hinter dem tresen nach einer leeren flasche, teile mein jungfräuliches red stripe brüderlich & biete meinem führer eine portion an.
er lehnt entrüstet ab, ``no man. 1 man, 1 beea¡` ``réspect man, drink with me¡` sage ich, & als er sich rumdreht & seine riesigen, schwarzen augen mich unverstanden stehen lassen, leere ich das gekühlte gastgeschenk hinter seinem rücken in einem langen zug.
vorne an der brüstung, von wo aus die straßenkreuzung & die kneipe gegenüber gut einsehbar sind, sitzen ein paar jungs auf der kante, die beine lässig baumelnd, angelehnt an 4000 watt aus 2 türmen & den resten des baß, der von der anderen straßenseite rüberweht. dort steht eine schlanke braut im weiten jeansrock unter einem tropenhut, eine reife frucht in meinem alter, mit einem modell von einer brille. sie rückt ihre bastmütze zurecht & kommt auf das haus zugelaufen. sie steigt die treppe hoch, lautlos, mit ruhe, sieht sich oben um, & während sie ihren spliff im windschatten der mauer rollt, schaut sie ab & zu über die schulter. sie hat eine 70er jahre brille auf der süßen nase, golden, eckig, riesig, das glas über die schläfe gebogen, mit einer extra scheibe für jedes ohr, auffällig, soulig, um den hals, wie bei meiner alten tante erna, mit einem goldkettchen gesichert, das von beiden ohren weg über die freie schulter hängt. ich glaube, ich starre sie an.
``I like your glasses. `` ``and I like you.`` ``yoh, nes, I like your glasses, really.`` der nachthimmel schiebt dunkle wolken vor die sterne. unten auf der straße rät sie mir, vorsichtig zu sein mit dem rauchen. die bullenwache ist gleich 2 blocks weiter, & wer weiß schon, was die nacht, die gerade begonnen hat, noch mit sich bringt. & während sie lachend in die tasche ihres jeansrocks greift, um ein feuerzeug herauszuholen, segeln sachte ein paar scheine auf den lehmigen boden, der dafür viel zu schade ist. ohne ihre augen zu verlieren, lasse ich meine hüfte an ihrem stoff herabgleiten & greife das trockene papierbündel auf der erde. ihr grinsen wird eine spur breiter. ich werde schon vorsichtig sein. sie sollte aber mindestens genauso aufpassen wie ich, der ich gerade noch bis zur windward komme, wo ich mich auf die kniehohe mauer an der bushaltestelle setze, um der einsetzenden lähmung ein bißchen zeit zu geben.
ich fühle mich völlig schlecht gekleidet in den kurzen hosen, die meine breiten, behaarten beine nicht schützen vor blicken, dreck, verletzungen oder vor dem näxten abenteuer. ich bin der einzige weiße in diesem teil der windward & vielleicht sogar in der ganzen, langen straße, die bis zum flughafen & wieder zurück zum markt in downtown kingston führt, fühle mich entdeckt, nackt, alleine gelassen, von dir, meiner süßen, die ich erst noch finden muß. ich will den weg zu grandma zu fuß machen, 300 m am revier vorbei, auf dessen näheren besuch ich gut verzichten kann, wie ich auf so viele besichtigungen verzichtet habe. mir kommt ein pulk junger männer entgegen.
die jungs laufen einen ganz anderen stiefel als bei uns in der heimat, wo alles stocksteif stolziert. sie hüpfen mehr & rollen & fallen, alles viel lockerer, schon wegen der unebenheiten im boden, die sie mit der hüfte ausgleichen, & wegen der unzähligen hindernisse, die mitten auf dem weg auftauchen, manchmal starr & unbeweglich & manchmal weich wie wasser.
ich schlürfe im grell orangen straßenlicht an der wache vorbei, hellblau gestrichen, immer offen, immer besetzt, immer angestrahlt, & sehe die brille auf derselben straßenseite weiter vorne stehen. sie ist mir vorausgegangen & lehnt an einem geteerten telegrafenmast neben einem bart. ich wanke auf die 3 zu, & als ihre augen mich 2 schritte entfernt bemerken, lachen sie mich an, während ich mich bücke, um auf die gläser zu deuten, die sich nicht auf ihrer süßen nase befinden, sondern versteckt in einer hand sanft an der hüfte des typen lehnen.
``I love your glasses.`` flüstere ich in ihre brille & gehe ein paar schritte in gebückter haltung, bis ich mich langsam aufraffe & zu grandma heim falle, in das steinhaus, wo sofie & meric für mich wache halten. un jour c'est oui, un jour c'est non, un jour c'est la question.
© m.k.
Michael Kloeckner Radio Radieschen 2002-01-22