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in ninas hütte

die süße nina, deren bienengeruch mir jetzt fehlt, hat mich am abend nach bernds abschiedsfeier bei justus angerufen, um sich nach mir zu erkundigen & mit mir in boulder auszugehen. wir verabreden uns in der microbrewery im oasis um 10, & ich bin rechtzeitig da, in meinem hellgrauen kolonialanzug, die haare im knoten zusammengebunden. als ich den laden betrete, ist der tresen leer & im hinteren raum spielt eine folkband ihr donnerstag-nacht-programm, umringt von klatschenden collegekids. ich hocke mich an den tresen & bestelle einen leckeren gin tonic, prüfe mit einem rundblick den laden & warte auf nina, in der hoffnung, daß ich ihre nachricht richtig verstanden habe & wir tatsächlich hier um 10 auf einen drink verabredet sind.

2 hochgewachsene, gut gekleidete jünglinge suchen sich neben mir an der bar einen platz, & der kurzhaarige der beiden fragt mich, ob der hocker neben mir frei sei. ich verneine, da ich ihn für nina freihalte. er blickt mich fragend an, murmelt ein paar worte mit unbekanntem akzent, schaut irritiert zu seinem kumpel & bedeutet mir, er habe nix verstanden. wir stellen uns gegenseitig vor. er heißt peter & studiert alternative medizin in denver, lebt hier in boulder, nimmt kurse am buddhistischen niropa-institut, dessen besitzer in den 70er jahren ihre schäfchen ins trockene brachten, als sie mitten im zentrum, ein paar blocks neben der mall, mehrere große immobilien erstanden, kurz bevor die stadt beschloß, geographisch nicht mehr zu wachsen & die blue line um ihre grenzen zog. dies hatte zur folge, daß die zahl der ausgewiesenen baugrundstücke beschränkt blieb, nicht jedoch ihr preis, der im lauf der jahre um mehrere 100 prozent stieg. das niropa bietet kurse in yoga, intuitivem atmen, in kräuterheilkunde, selbstfindung, aquarellmalen & in indischer musik, in fußzonenreflexmassage, in indischem tanz, in aromatherapie & in seidenmalerei. peter belegt akupunktur.

es ist bereits 20 nach 10, mein erster gt geht zur neige, & ich beginne, unruhig im raum hin & her zu schauen, ob ich nina nicht irgendwo zwischen den leeren tischen übersehen habe. eine frau am fenster wartet gelassen auf ihren bekannten. ich gehe an ihr vorbei zur tür, nicke ihr kurz zu, schaue über die 13te straße & setze mich wieder auf meinen hocker an die bar. die frau mit den dunkelbraunen haaren, die alleine am fenster wartet, könnte nina sein. aber sie sah bei bernd ganz anders aus, viel wilder & unkonventioneller, ohne sauber gekämmte haarpracht, die ihr jetzt rotbraun glänzend über die schultern fällt. sie schaut mich fragend an. ich gehe langsam auf sie zu, um sie nach nina zu fragen, als sie mich anspricht, mit der herrlich rauhen reibeisenstimme & den dunklen, fordernden augen.

``I'm sorry about that, I didn't recognize you at all.`` sage ich. ``no problem, I thought you'd come soon after you just gave me a sign. how are you michael¿` ``I'm fine, but I'm sorry, I made you waiting here.``

wir setzen uns zusammen an die bar, unterhalten uns mit dem jüngling über unterschiedliche, medizinische ansätze, den westlichen & den östlichen, über die marktchancen neuer heilprodukte & über ninas batikkunst. der laden macht um 11 zu, & ich biete ihr an, sie nach hause zu begleiten auf die weltweit bekannte tasse tee. wir laufen die 13te hoch bis zur aristoteles, biegen rechts ab & treffen nach 3 straßen auf den grand view, wo hinter einer häuserreihe versteckt, von den blicken der nachbarn abgeschirmt, ninas kleine wohnung im souterrain eines einstöckigen hauses liegt, das mit 3 anderen einen kleinen, grün bepflanzten hof bildet. sie schließt die eingangstüre auf & steigt die schmalen stufen in ihre küche herab, wo das geschmolzene wachs in einem metallkessel seinen beißend süßen geruch verströmt.

hier wohnst du also, du süßes tierchen. an einer schnur über dem gasherd hängen getrocknete blumensträuße, jeder eine kleine kostbarkeit. am türpfosten sind postkarten mit farbdrucken von meisterwerken moderner kunst angepint. der küchentisch ist mit einem farbdurchtränkten karton bedeckt, auf dem joghurtbecher mit dunklen flüssigkeiten stehen. wachsverklebte pinsel & kleine, schmutzige stofflappen liegen überall herum. ihr schlafzimmer, direkt neben der küche, ist bis unter die decke mit stoffresten angefüllt, ihren eigenen klamotten, geliehenen sachen & alten kleidungsstücken, die irgendwann mal zu zauberhüten verarbeitet werden. an der wand neben dem schreibtisch stapeln sich kassetten in 5er reihen.

ich setze mich auf das große futonbett mit der batikdecke & warte auf den tee, den nina uns macht. im kühlschrank, der wie alle americanischen kühlschränke, oder fast alle, riesig groß & vollgestopft ist, hat sie einen leckeren käse-auberginen-auflauf entdeckt, mit viel knoblauch & einer dicken tomatensoße. ich bin etwas overdressed in der kleinen, unaufgeräumten hütte, habe meine schuhe ausgezogen & mich quer zu ihr aufs bett gelegt. will sie oder will sie nicht? un jour c'est oui, un jour c'est non, un jour c'est la question. ich werde gleich meine nase in ihr ohr stecken, genüßlich an ihrem haar riechen, meinen atem über ihren nacken pusten & sanft in die zarte muschel beißen, wenn ich den mut dazu aufbringe.

``ich muß bald gehen ...`` sage ich. ``... sonst ...`` ``was sonst¿` ``sonst will ich ... vielleicht gar nicht mehr weg.`` ``dann gehst du vielleicht besser gleich¡`

ich idiot, wo ist die unverschämte annäherung an ihren hals, wo ist die freche riechgeste, wo der sanfte biß, von dem ich geträumt habe? so, mein lieber, wird das nie was, so steif & unbeweglich, darauf bedacht, sich keine blöße zu geben & keine schwäche zu zeigen, die verletzt werden könnte. warum hast du, mein engel, mir noch nicht dein zutrauen gelehrt & deine geduld, deine leichtigkeit & dein einfühlungsvermögen. warum muß ich so lange ohne dich ausharren in meiner kleinen, zugeknöpften welt?

ich ziehe die schuhe wieder an, hole mein sakko vom küchenstuhl, hänge es mir über die schulter & gehe langsam die treppen rauf, an der letzten stufe auf nina wartend. als sie mir die schmale stiege herauf folgt, sich im dunkeln an mir vorbei tastet, recke ich in einer ansatzlosen bewegung meine nase an ihr ohr, angezogen vom süchtigmachenden bienengeruch ihrer haut, ziehe einen tiefen zug ihres duftes ein & blase ihn sanft über ihre nackenwirbel, während ich nach innen in mich hineinlache, über die unverfrorenheit & die lust, die diese zutraulichkeit uns beiden bereitet. sie zieht mich zu sich, um mich mit sagenhaften kräften an sich zu drücken, feste an ihren starken körper zu pressen, der sich augenblicklich zu lösen beginnt & breiter & ausladender wird & mich umschließt.

``noch eine abschiedszigarette.`` ``o.k.`` wir setzen uns auf den leeren bierkasten vor dem eingang, ich das sofa, & nina, das kissen, ihr dicker hintern warm auf meinem schoß, träumen wortlos in die nacht von dingen, die wir nicht gemacht haben & vielleicht noch tun werden, ziehen tief an der giftigen zigarette & umarmen uns wie 12jährige.

``you better go now.`` ``I could stay with you, if you want.`` ``no, it's better you go now, another time, next time.`` ich hebe unsere beiden körper in einer langsam balancierten bewegung in den stand, setze sie auf ihre füße & küsse zum abschied ihr gesicht.

``will you call me tomorrow¿` ``yes, I definitely will, at about 6.`` ``o.k., I wait for your call.``

vor uns hat sich in 3 m entfernung unter dem rosenstrauch ein katzenartiges tier im dunkeln angeschlichen, schwarz mit weißen streifen.

``watch out, it's a skunk¡` ich verstecke mich hinter nina, die mich sofort beruhigt & mich bis zum ausgang ihres gartens begleitet, alleine zurückbleibend in der spätsommernacht, deren sterne hoch über uns hell aufleuchten, jeder einzelne das zeichen einer sehnsucht, die nur menschen kennen, einer treibenden ahnung, einer unscheinbaren erregung, alleine im unendlichen raum, unerreichbar durch ewige weiten voneinander getrennt. morgen, wenn die erde sich von neuem der sonne zugewandt hat, wenn die nacht zum tag geworden ist & ihre endlos erscheinende dunkelheit sich in licht auflöst, wenn der gesichtslose traum, den keiner erinnert, seinen kaum spürbaren einfluß verliert, & die menschen erwachen mit der hoffnung der arglosen, werde ich wie alle anderen mein kleines tageswerk beginnen & dabei nicht zurückschauen, die augen starr nach vorne gerichtet, ohne die gewißheit zu beenden, was ich begonnen habe. ich werde mich frisch fühlen & stark, werde die spuren der einsamkeit dem wind überlassen & werde, weil mir keine andere wahl bleibt, glücklich sein. morgen.


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© m.k.

Michael Kloeckner Radio Radieschen 2002-01-22