an diesem sonntag morgen kann ich einen sitzplatz erwischen. die strecke geht steil in die 1400 m hohen berge, langsam & stetig von einer diesellok gezogen, an schmalen streifen gelber blumen vorbei, die ihre köpfe gleichmäßig im morgenwind wiegen & uns freundlich zunicken, auf engen, in den felsen gesprengte trassen, die gerade den gleisen & den waggons platz bieten, durch kurze tunnel, die ein tal mit dem näxten verbinden & über rostige eisenbrücken, die schnell fließende, reißende wasser überqueren. weit unten wälzt sich ein brauner, wilder strom durch den fels, schlägt gegen steinwände & wühlt schlammigen, roten boden auf. hell klirren die schienen unter der langsamen fahrt. ich sehe aus dem offenen fenster die waggonwand herab, zwischen den schwellen hindurch auf den schroffen stein. weiter abwärts rostet einsam ein zerbeulter waggon kopfüber auf einem felsvorsprung, auf halbem weg ins wasser zum liegen gekommen. er erinnert an ein unglück, das sich vor einem jahr auf dieser brücke ereignet hatte. bei jedem ruck warnt uns die alte konstruktion mit einem krachen. die cañons hier sind 300 m tief & erheben sich senkrecht als schwarze wände. feuchte, grüne urwälder, pflanzen im ständigen kampf, schlingpflanzen, die aasfresser der vegetation, überwucherte baumkrüppel & farne, die hoch oben in den kronen der riesen eine heimat finden, dort, wo weberameisen aus unzähligen ästen ihre kolonien nähen, wechseln mit blankem, schwarzgrauen fels, vom regen glatt poliert. überall sammelt sich wasser auf den dächern der cañons, sucht einen weg runter ins tal & fällt in endlosen, weißen strahlen nach unten.
an jeder station füllt sich der zug. wir haben zeit, die waren der unzähligen händler zu begutachten, die ihre körbe durch den engen gang tragen, laut schreien, jeden fahrgast einzeln auffordern, ihn bitten & anflehen, etwas zu kaufen, geschälte orangen, tacos, duritos, in jeder form & mit allen erdenklichen füllungen, süße karamelriegel aus milch & zucker, maisplätzchen & camaroncocktail.
hinter colma wird das gelände flacher. die steilen, engen felswände weiten sich zu breiten tälern, & wir erreichen die hochebene im inneren des landes. hier wird mais angebaut, der in stolzem dunkelgrün auf den feldern steht, gekrönt von einem rötlichen schleier feiner haare. yucca zieht sich in sauber angelegten reihen gleichen abstands über das rotbraune land, dunkler im grün als der mais & blasser in der farbe, dafür dicker im fleisch, mit kronenförmigen kränzen aus stacheligen schwertern. der zug bummelt durch die helle, glühende hochebene, an deren wasserstellen schwärme weißer reiher im knöcheltiefen sumpf nach nahrung suchen, von träge äsenden kühen bestaunt, vorbei an km langen zäunen aus lebenden kakteen, kleinen tümpeln, moosgrün mit punktalgen abgedeckt, an deren rändern smaragdfarbene libellen ihren flug üben, umgarnt von zitronengelben schmetterlingen, die wie blätter im wind treiben, nicht größer als daumennägel. der zug hält für jedes stück rindvieh auf den gleisen, jede siedlung in der ferne, jede ansammlung weißer, einstöckiger häuser. bauern transportieren ihr getreide in die stadt, kinder besuchen ihre urgroßeltern im krankenhaus, liebhaber treffen ihre süßen, & die unzähligen händler verdienen ein zubrot.
aus 20 km entfernung kündigt sich guadalajara in der hochebene an, mit einer industriezone im westen, mit großräumigen, auf weitem gelände gebauten, verlassenen fabrikhallen, staubbedeckt & zementfarben. die bahn hält neben grauen hütten aus hohlblocksteinen, die direkt an den gleisen eine siedlung bilden. die lok pfeift, die bremsen schreien, die wagenfedern klatschen, & ich rieche hinter mir den guten waldgeruch eines guten waldhorns, in der hitze des frühen sonntag vormittags im überfüllten bummelzug.
in 2 wochen hat mich in mexico niemand, aber auch wirklich niemand damit behelligt, die gute maría zu kaufen, & ich selbst war zu faul, um mich eigenfüßig auf die suche zu machen. ich drehe mich um & spüre den süßlich beißenden geruch des echten, guten patex in meiner nase, wie alle erfrischungsgetränke in mexico einfach aus einer plastiktüte zu genießen, diesmal in einem ehemals durchsichtigen polymersäckchen samt seinem klebstoffimitat, deren 2 besitzer gerade meinen ersten, ausgelassenen grasjoint wegrauchen & zwischendurch klebstoff schnüffeln, hastig & unsicher.
beide tragen wollpulover, beide über einem hemd, das durch ein fadenscheiniges strickwerk hindurchscheint, der eine mit strohhut, der andere mit bart, beide mit rot unterlaufenen, leeren augen & beide in guter, mexicanischer mariachi tradition gute mexicanische musikanten, mit leib & seele & dem herz & dem mund. der bart, der die nummer bereits kennt & sich vorsorglich einen extrazug aus beiden tüten gönnt, schaut den strohhut an & lächelt ihm zu. der erhebt sich mit einem erstaunen darüber, daß der erste schritt so einfach zu tun war, daß er auf den 2ten nicht lange warten läßt. seine stimme steigt hoch, mächtig hoch & beginnt in einem hellen ton, dünn wie espenlaub, eine moritat aufzusagen & gleichzeitig zu singen, ohne dem äußeren ohr zu lauschen, ganz auf die innere absicht konzentriert. die fahrgäste schauen gelangweilt aus den fenstern.
draußen startet zur rettung im selben augenblick ein durchdringendes kreischen aus dem benachbarten fabrikgelände, alles überlagernd & einstampfend, was der strohhut an zarten augenbewegungen seinem gesang beigibt. die beiden putzig geschmückten, 12jährigen menarchen neben mir kichern unverhohlen. der strohhut nutzt die geräuschwand, um sich nochmal zu besinnen, den bart fragend anzuschauen & dessen gelangweiltes lächeln zu bestätigen.
``si tu me quieres, como te quiero ...`` ein bekannter, mexicanischer gassenhauer, echt mariachimäßig, mit der klebrigen dur-terz obendrüber. der strohhut versucht, beide stimmen zu singen, ist nach der tüte & dem horn etwas entscheidungsschwach & landet schlicht in der mitte. auch gut. in einem langgezogenen schlußreim macht er das stück unkenntlich.
die reisenden bemühen sich, den verlausten gestalten mit den traurigen augen auszuhelfen & ihnen mit ein paar pesos das weiterleben & fortkommen zu ermöglichen. einer der sänger schweigt beharrlich, ohne einen gedanken daran zu verschwenden, dieses zugabteil jemals wieder zu verlassen, wo beide für ihre bewundernswerte mariachikunst so reichlich entlohnt werden. das aufheulen der vorbeiziehenden fabrikanlage gibt allen eine schonfrist. jeder schaut zum fenster & sucht nach den ursachen des lärms.
die singenden vagabunden, deren einer teil hinten im zug seiner inneren stimme lauscht, während der andere nichteinmal seiner äußeren zuhört, sehen in ihrer zerlumpten tracht, den struppigen, schwarzen haaren, dem leeren, glücklosen blick & dem hunger unter den nägeln gefährlich aus. sie sind nicht von derselben welt wie die gemeinde der sonntagsreisenden. sie lieben keine ordnung & keine sauberen klamotten, lieben keinen geregelten tagesablauf & keine sichere anstellung, kein gutes essen & keine seife, sondern lieben geisteszustände, in denen anständige christenmenschen lieber tot als lebendig vor ihrem außerirdischen stehen, in denen sich unsereins als normaler mensch mit normalstuhl nicht zurechtfinden würde, weil zu ungewiß & zu ungenau, oder, wie grimmelshausen sagen würde, zu ohnsicher & ohngewähr. der strohhut sammelt, vom bart daran erinnert, denn er hat sich in seinen eigenen vortrag verknallt, einige pesos ein, & ich kann nicht umhin, meinen dürftigen beitrag zu leisten, wie ich fast jede art von musik unterstütze.
sollte ich jemals zum oberkommandierenden eines landes berufen werden, was ziemlich ausgeschlossen ist, dann nur unter der voraussetzung, daß die wehrpflicht aufgehoben, & statt dessen eine musikpflicht eingeführt wird für alle jungen leute, mindestens ein jahr lang zur verteidigung der kultur. die instrumentengattung wäre frei wählbar, der unterricht allerdings pflicht. & nach einem jahr müßten die frisch gebackenen musikanten von ihrem können eine kostprobe geben vor versammeltem volk, zum ergötzen aller & zur verteidigung der kultur.
dieser plan ist weder in mexico noch in sonst einem land der runden, sich drehenden erde durchgesetzt. der strohhut & der bart schätzen die geduld des publikums & seine zahlungsmoral richtig ein & verlassen den zug rechtzeitig 200 m vor dem halt auf dem hauptbahnhof in guadalajara, steif & gelähmt die kantigen stufen der eisentreppe hinabfallend, die auf den rauhen, langsam vorbeiziehenden betonboden führt, wo sie gegeneinander prallen wie mehlsäcke & sich gegenseitig schubsen, daß eine staubwolke sie einhüllt. ich packe meinen freund den kofferwagen & suche einen gleisübergang.
© m.k.
Michael Kloeckner Radio Radieschen 2002-01-22